Zukunft des Essens Teil 2: „Ich bin prominent, esst mich auf!“

Lachs, Rind, Schwein und Huhn aus Zellkulturen zu schaffen ist aktuell die nächste Grenze, die Startups und Wissenschaftler überwinden. Unternehmen wie Just, NotCo, Upside Foods, Perfect Day oder Wildtype arbeiten an diesem aus Zellkulturen in Reaktor gewachsenen Fleisch, doch wie es genau genannt werden soll, ist noch offen. Synthetische Biologie – oder Synbio -, kultiviertes Fleisch oder Fleisch ohne Tierquälerei (cruelty free meat) wollen es die Befürworter nennen, synthetisches Proteinprodukt aus Rinderzellen die Gegner. Und letztere gibt es sonder Zahl.

Nicht nur die Landwirtschaft sieht sich bedroht, Technologiegegner sehen darin den prometheusischen Größenwahn der Menschheit. Prometheus hatte bekanntermaßen den Menschen das Feuer und somit die Zivilisation gebracht, gegen den ausdrücklichen Wunsch der anderen Götter.

Doch einfach nur natürliches Fleisch (von Tieren) im Reaktor durch synthetisch erzeugtes Fleisch zu ersetzen, ist eine zu lineare Denkweise, denn ungeahnte neue Möglichkeiten eröffnen sich, wie so etwas schmecken könnte und was noch alles mit Fleisch aus Zellkulturen gemacht werden kann.

Das Fleisch der Zukunft

Zuerst mal hindert uns dann nichts, nicht nur dasselbe Hühner-, Schweine- oder Rindfleisch zu erzeugen, sondern warum nicht das Schweinehuhn – oder Schwuhn? Und es vielleicht gleich mit einem leichten Eichelgeschmack, wie wir ihn von den Wildschweinen im iberischen Schinken (Jamón ibérico) kennen und schätzen.

Auch wenn solch Fleisch im ersten Augenblick doch sehr künstlich erscheint, vergessen wir nicht, dass fast alle Lebensmittel und deren Ausgangsstoffe, die wir heute zu uns nehmen, das Ergebnis von tausenden Jahren von menschlicher Kultivierung der Natur sind. Weder Getreide, Früchte, Gemüse noch die Fleischsorten oder Getränke gab es vor tausenden Jahren in dieser Weise. Wir züchteten sie nach unseren Bedarf. Mit dem Einzug von komplexerer Technologie in unseren Lebensmittelherstellungsprozess konnten sogar völlig neue Lebensmittelgruppen geschaffen werden. Cornflakes und andere Frühstücksflocken sind absolut künstlich. Wein, Bier und Spirituosen sind künstlich geschaffene Getränke.

Und weil wir gleich dabei sind: warum nicht auch gleich dieses Fleisch mit Vitaminen und Medikamenten versehen, die uns die Einnahme dieser erleichtert? Diese Idee ist nicht neu, schon heute ist beispielsweise unser Speisesalz mit Jod versetzt, um Schilddrüsenerkrankungen vorzubeugen, die durch Jodmangel hervorgerufen werden. Hustensaft und andere Medikamente für Kinder sind oft mit Süßstoff und Fruchtgeschmack versetzt, die bei Einnahme durch Kinder wesentlich weniger Widerstand verursacht. Und in Gegenden, wo die Menschen keinen einfachen Zugang zu frischem Obst und Gemüse haben und damit unter Vitaminmangel leiden, könnten andere, künstlich mit Vitaminen versetzte Lebensmittel dabei helfen, diesen Mangel zu überkommen.

Gewebe & Organe

Was aber, wenn wir Zellkulturtechnologie nicht nur für Lebensmittel einsetzen, sondern um Gewebe und sogar Organe daraus zu schaffen? Das ist schwieriger als es klingt, denn im Gegensatz zu zellkulturiertem Fleisch, das aktuell nichts anderes als eine verhältnismäßig einfache Paste ist, sind Gewebe und Organe komplexer. Der Aufbau und Durchsetzung mit Nerven und Blutgefäßen erfordert eine andere Fertigungsweise. Sollte das gelingen, dann wäre das vielversprechend. Verbrannte Haut oder eine Niere aus körpereigenen Zellen nachwachsen zu lassen beseitigt eine Reihe von Problemen, die heute mit Spenderorganen vorliegen. Abwehrreaktionen des Körpers und damit bedingte medikamentöse Unterdrückung dieser und all der einhergehenden Nebenwirkungen, oder schlicht und einfach die oft begrenzte Verfügbarkeit von Spenderorganen, könnten somit umgangen werden.

Roboter

Orbillion-CEO Patricia Bubner stieß mich auch auf ein weiteres Einsatzgebiet zellkulturiertem Gewebe. Wir erinnern uns vielleicht an eine ikonische Szene aus dem Film Terminator mit Arnold Schwarzenegger, wo er als dieser Killermaschine aus der Zukunft in seiner Unterkunft ist und sich selbst repariert. Dabei schneidet er sich die Haut auf seinem rechten Unterarm. Darunter kommt das metallische Robotergerüst zum Vorschein, dass er repariert und im Anschluss das darüber liegende Gewebe wieder verschließt.

Szene aus Terminator

Killerroboter machen sich zwar in Hollywood-Filmen gut, doch hier sehen wir ein weiteres Einsatzgebiet: heutige Roboter, die in Fabriken schwere Metallrahmen heben, drehen, biegen und verschweißen, sind wahrnehmungstechnisch blind. Sie erkennen keine Objekte um sich herum, die nichts mit ihrer eigentlichen Aufgabe zu tun haben. Weil sie große Kräfte ausüben können, müssen sie in Käfigen versperrt werden, zu denen Menschen keinen Zugang haben, solange sie in Betrieb sind.

Roboter in der Tesla-Fabrik (C) Tesla

Doch immer mehr Roboter werden direkt mit Menschen in Kontakt kommen. Von kleinen Haushaltshelfern bis zu autonomen Autos werden uns diese umgeben und unseren unmittelbaren Raum mit uns teilen. Das erfordert wahrnehmungssensitive Roboter, die Menschen und Tiere erkennen, um ihnen keinen Schaden zuzufügen.

Nun sind aber Sensoren, die über den ganzen Körper eines Roboters verteilt werden gar nicht so billig und einfach anzubringen. Der Fall eines Wachroboters, der in der Stanford Shopping Mall seinen Dienst versieht und dabei über ein Kleinkind rollte, ist uns noch in Erinnerung. Was nun, wenn wir à la Terminator solch zellkultiviertes Gewebe auf den Körper von Robotern auftragen können? Solch ein Hybrid wäre in der Lage, andere Lebewesen wahrzunehmen und damit uns und sich selbst besser zu schützen.

Das ist zugleich auch eine interessante Sichtweise auf Hybridformen. Während wir Menschen uns immer mehr zu Cyborgs verwandeln, da Technologien die wir in und an unserem Körper anbringen (wir denken dabei nur an Impfstoffe, Medikamente, Hörgeräte, Brusterweiterungen, künstliche Gelenke, Brillen oder sogar Kleidung), so kommen Roboter von der anderen Seite. Sie werden zu echten Androiden.

„Ich bin prominent, esst mich auf!“

Wem zellkultiviertes Rindfleisch oder der Lachs aus dem Reaktor zu langweilig ist, gleichzeitig aber seine kannibalischen Instinkte ausleben möchte, auch dem kann mit der Zukunft des Essens gedient werden. Warum nicht körpereigene Zellen entnehmen und kultivieren? Ich könnte Mich an meinem eigenen Mario-Schnitzel sattessen.

Oder vielleicht kann es bei romantischen Kerzenlicht Erotisches verheißen, wenn einem das Date die Blutwurst aus zellkultivierten, körpereigenen Säften serviert? Die Christenheit hat uns schon seit Jahrtausenden darauf vorbereitet: Brot und Wein stehen als Synonym für den Leib und das Blut Christi.

So könnten sich neue Einkommensquellen für Prominente oder Influencer eröffnen. Lionel Messi könnte daran denken, Steak von seinen Oberschenkelzellen zu verkaufen. Der Brad-Pitt-Burger findet sicher seine Fans, wie auch der Angelina-Jolie-Lasagne. Seinen Idolen nicht nur nahe zu sein, sondern sie gleich auch verschlingen, hat doch etwas von allzu übertriebener Fanliebe zu tun. Der Fantasie sind jedenfalls keine Grenzen gesetzt.

Ob allerdings ich selbst solch Fleisch ausprobieren würde, kann ich heute noch nicht sagen…

Servus TV Beitrag

Hier geht’s aber nochmals zum Beitrag in Servus TV mit den Besuchen bei diesen Food-Startups im Silicon Valley, der im November erstmalig ausgestrahlt wurde. Und auch nochmals Teil 1 dieser Artikelserie.

Ein Gedanke zu “Zukunft des Essens Teil 2: „Ich bin prominent, esst mich auf!“

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