Als Frau kann man noch so weit vom Rest der Welt leben, doch auch im Jahr 2024 trifft einen dort immer noch Sexismus mit voller Wucht. Diese Erfahrung musste Georgie Purcell, Abgeordnete des australischen Staates Victoria, machen. Der Fernsehsender 9News Melbourne zeigte ein bearbeitetes Bild der Abgeordneten zur Ankündigung einer Debattensendung.
Purcell allerdings war doch – gelinde gesagt – überrascht, als sie ihr Konterfei sah. Denn im Bild waren Manipulationen vorgenommen worden, die über das Übliche hinausgingen. So war ihr weißes Kleid in ein Ärmelloses Top verwandelt worden, das nun mehr ihren Bauchnabel freilegte. Und weil man gleich dabei gewesen war, schienen auch ihre Brüste auf magische Weise an Volumen dazu gewonnen zu haben.
Es war nicht nur ihr unverständlich, warum sich der Fernsehsender diese Mühe angetan hatte. Um das Publikum auf eine intellektuelle Politdebatte vorzubereiten, oder die sexuellen Fantasien der Zuseher und des Fernsehsenders anzuheizen? Kein Wunder, dass sie etwas irritiert auf Twitter postete:
Ich habe gestern eine Menge ertragen. Aber dass mein Körper und mein Outfit von einem Medienunternehmen mit Photoshop bearbeitet werden, stand nicht auf meiner Bingo-Karte. Man beachte die vergrößerten Brüste und das Outfit, das freizügiger gemacht werden soll. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das einem männlichen Abgeordneten passiert. Was ist da los?
Nach dem für den Fernsehsender völlig unerwartbaren öffentlichen Aufschrei ruderte die Sendungsverantwortlichen eiligst zurück. Der Direktor des Senders, Hugh Nailon, gab eine öffentliche „Entschuldigung“ ab:
Ich möchte mich aufrichtig bei Georgie Purcell für einen Grafikfehler in der gestrigen Ausgabe des Bulletins entschuldigen.
Hugh Nailon, Direktor von 9News Melbourne
Unsere Grafikabteilung hat ein Online-Bild von Georgie für unseren Bericht über die Entenjagd beschafft.
Wie üblich wurde die Größe des Bildes an unsere Vorgaben angepasst. Dabei wurde durch die Automatisierung in Photoshop ein Bild erzeugt, das nicht mit dem Original übereinstimmte.
Dies entsprach nicht den hohen redaktionellen Standards, die wir haben, und dafür entschuldigen wir uns bei Frau Purcell vorbehaltlos.
So weit, so schlecht. Denn bei genauerer Betrachtung fehlen einige Elemente einer guten Entschuldigung. Denn eine echt gemeinte Entschuldigung enthält mehrere Schritte, die der amerikanische Verhaltensforscher David P. Boyd in sieben aufeinanderfolgenden Schritten festgehalten hat. Er sieht darin die Kunst einer öffentlichen Entschuldigung in diesen sieben Schritten:
- Offenbarung
- Erkennung
- Reaktionsfähigkeit
- Verantwortung
- Gewissensbisse
- Rückerstattung
- Reform
Darüber schreibe ich übrigens in meinem Buch Sorry Not Sorry: Die Kunst, wie man sich nicht entschuldigt, wie die unterschiedlichen Kunstgriffe aussehen, wie man eine vermeintliche Entschuldigung vorbringt, die mehr aus der Not heraus kommen, aber keine ehrlichen Entschuldigungen darstellen.
Aber wie sieht das hier bei Hugh Nailon aus? Was stößt mir hier auf? Zuerst einmal wird nimmt er die Schuld als Verantwortlicher nicht auf sich, er schiebt sie auf einen „Grafikfehler„, eine nicht näher spezifizierte „Grafikabteilung“ und auf eine „Automatisierung in Photoshop“ ab. Das entspricht dem 5. Kunstgriff: Es ist passiert, aber nicht mir.
Wie auch der Pressesprecher von Adobe, dem Hersteller von Photoshop, anmerkte, gibt es keine automatische Funktion im Programm das Bilder von Frauen automatisch sexualisiert und Kleidung wegretuschiert um die Bauchregion freizulegen und Brüste zu vergrößern. Das hat schon jemand in Nailons Team ganz bewusst gemacht.
Dass dieses Vorgehen nicht den „hohen redaktionellen Standards“ entsprechen würde, lässt uns nach diesen Standards fragen. Denn weder sind uns die bekannt und dass man die bewusste Sexualisierung von weiblichen TV-Gästen vermeiden sollte, bräuchte keiner besonderen redaktionellen Standards. Doch dieser Satz sagt noch etwas anderes: „unsere Standards wurden verletzt, somit sind wir das eigentliche Opfer!“ Das ist der 13. Kunstgriff: Es ist passiert, aber wir sind das eigentliche Opfer.
Folgt danach etwa so etwas wie ein Hinweis, was man in Zukunft zu tun gedenke, damit so etwas nicht mehr geschieht? Natürlich nicht. Wir können sicher sein, dass der Sender es wieder probieren wird.

