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Zum ersten Mal vom Vesuv verkohlte Papyri dank KI lesbar gemacht

Im Jahr 79 nach Christus wurde die römische Stadt Pompeji vom ausbrechenden Vesuv unter einer 20 Meter hohen Schicht von heißem Gestein und Asche verschüttet. Die Bewohner hatten keine Chance, zu flüchten, und starben vor Ort. Die Wiederentdeckung der Stadt eröffnete uns einen faszinierenden Einblick in das Leben der Menschen. Graffitis, Essensreste, Mosaiken, Werkzeuge und Hohlräume in der Asche, die dort entstanden waren, wo die Menschen gekauert hatten und nicht mehr flüchten konnten, zeugen vom Leben, Arbeiten und Sterben der Pompejaner und lassen uns 2.000 Jahre später mit ihnen mitfühlen.

Auch das nahegelegene Villenviertel in Herculaneum wurde verschüttet. Ein Fund dabei stieß auf besonderes Interesse der Archäologen: die Villa dei Papiri beinhaltete eine Privatsammlung an Schriftrollen, und zwar hunderte davon. Diese wurden durch die Asche verkohlt, aber nicht vollständig zerstört und stellten die Forscher eine Herausforderung. Sie konnten nicht auseinander gerollt werden, ohne zu zerfallen.

Erst mit neuen Methoden wie Scannern, die Röntgenstrahlen und andere Wellenlängen benutzen, kam man dem Rätsel näher, welche Texte auf diesen Schriftrollen waren. Schicht für Schicht kann jede Rolle gescannt werden und die Unterschiede in der Durchlässigkeit und Reflexion der Wellen anzeigen, wo auf dem Papyrus Tinte aufgetragen war. Doch das Auslesen ist damit immer noch nicht getan.

Und genau zu diesem Zweck wurde der Vesuvius Challenge mit einem Preisgeld von einer Million Dollar ausgerufen, der in diesem Wettbewerb die Teilnehmer anspornen soll, die Überreste der Herculanensischen Papyri mittels Maschinenlernen und Computervision auszulesen. ich habe dazu in meinem Buch Kreative Intelligenz vom November 2023 geschrieben. Und zwei Monate nach dem Erscheinen meines Buches ist es soweit: es kam zum großen Durchbruch in diesem Wettbewerb: die ersten 15 Seiten Text wurden vollständig entziffert.

Vor zehn Monaten haben wir die Vesuvius Challenge ins Leben gerufen, um das uralte Problem der Papyri von Herculaneum zu lösen, einer Bibliothek mit Schriftrollen, die beim Ausbruch des Vesuvs im Jahr 79 n. Chr. in Flammen aufgingen.

Heute sind wir überglücklich zu verkünden, dass unser verrücktes Projekt erfolgreich war. Nach 2000 Jahren können wir die Schriftrollen endlich lesen:

Dieses Bild wurde erstellt von @Youssef_M_Nader, @LukeFarritor, und @JuliSchillij die jetzt den großen Preis der Vesuvius Challenge in Höhe von 700.000 Dollar gewonnen haben. Herzlichen Glückwunsch!

Diese fünfzehn Spalten stammen vom Ende der ersten Schriftrolle, die wir lesen konnten, und enthalten einen neuen Text aus der antiken Welt, der noch nie zuvor gesehen wurde. Der Autor – wahrscheinlich der epikureische Philosoph Philodemus – schreibt hier über Musik, Essen und die Freuden des Lebens. Im letzten Abschnitt wirft er einen Schatten auf ungenannte ideologische Gegner – vielleicht die Stoiker? – die „nichts über das Vergnügen zu sagen haben, weder im Allgemeinen noch im Besonderen“.

In diesem Jahr geht die Vesuvius Challenge weiter. Der Text, den wir bisher enthüllt haben, stellt nur 5 % einer Schriftrolle dar.

Im Jahr 2024 wollen wir vom Lesen einiger Textpassagen zu ganzen Schriftrollen übergehen und loben einen neuen Hauptpreis in Höhe von 100 000 Dollar für das erste Team aus, dem es gelingt, mindestens 90 % aller vier Schriftrollen zu lesen, die wir gescannt haben.

Die in Neapel gelagerten Schriftrollen, die noch zu lesen sind, umfassen mehr als 16 Megabyte an antiken Texten. Aber die Villa, in der die Schriftrollen gefunden wurden, wurde nur teilweise ausgegraben, und Wissenschaftler sagen uns, dass es unter der Erde noch Tausende weiterer Schriftrollen geben könnte. Wir hoffen, dass der Erfolg der Vesuvius Challenge die Ausgrabung der Villa anregt, dass die Hauptbibliothek entdeckt wird und dass das, was wir dort finden, die Geschichte umschreibt und uns alle inspiriert.

Das ist nur der Anfang, denn wie schon erwähnt wird vermutet, dass noch tausende weitere Schriftrollen in den bisher noch nicht ausgegrabenen Teilen der Villa liegen. Unter den Schriftrollen könnten sich bekannte, aber verlorene gegangene Texte, wie auch völlig unbekannte Texte lagern. Für jeden Archäologen und jeden Buchliebhaber ein Jahrhundertfund, und die Möglichkeit seit 2000 Jahren nicht mehr gelesene Texte zu entschlüsseln und wieder zugänglich zu machen.

Kleine Anekdote am Rand: als Erbauer der Villa dei Papiri wird ein gewisserLucius Calpurnius Piso vermutet, der besser als Schwiegervater Gaius Iulius Caesars – ja, dem Cäsar! – bekannt ist.

Hier mehr zu meinem Buch, in dem ich schon über den Vesuvius-Challenge geschrieben habe:

KREATIVE INTELLIGENZ

Über ChatGPT hat man viel gelesen in der letzten Zeit: die künstliche Intelligenz, die ganze Bücher schreiben kann und der bereits jetzt unterstellt wird, Legionen von Autoren, Textern und Übersetzern arbeitslos zu machen. Und ChatGPT ist nicht allein, die KI-Familie wächst beständig. So malt DALL-E Bilder, Face Generator simuliert Gesichter und MusicLM komponiert Musik. Was erleben wir da? Das Ende der Zivilisation oder den Beginn von etwas völlig Neuem? Zukunftsforscher Dr. Mario Herger ordnet die neuesten Entwicklungen aus dem Silicon Valley ein und zeigt auf, welche teils bahnbrechenden Veränderungen unmittelbar vor der Tür stehen.

Erhältlich im Buchhandel, beim Verlag und bei Amazon.

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