Man kann nicht kreativ und innovativ sein, wenn man nur in seinem Interessensbereicht hängen bleibt. Man muss das Unbekannte suchen, sich mit Hobbys und Interessen außerhalb dessen beschäftigen, womit man täglich zu tun hat und sich somit aus der eigenen Komfortzone bewegen.
Eine meiner Herangehensweisen, mich mit neuen Dingen vertraut zu machen, ist der Besuch von Konferenzen und Messen in Bereichen, in denen ich mich nicht auskenne und zu deren Themen ich keine Ahnung habe. 2023 beispielsweise besuchte ich eine Schönheitsmesse, die Cultivate Beauty Conference, die zwar klein aber fein war. Dort war ich – neben dem DJ, der die Halle beschallte – der wohl einzige Mann unter vielen Frauen jedweden Alters.
Männer sind, was Schönheit betrifft, Simpletons. Uns mögen die Augen einer Frau gefallen, ihr Haar und andere physische Eigenschaften, auf die ich nicht näher eingehen will, doch was wir nicht verstehen ist, wie viel Aufwand und Täuschung da drin steckt. Ein bisschen Pulver und Creme kann nicht nur das Gesicht der Angebeteten völlig verändern, sondern auch ihr Selbstvertrauen stärken und Gehabe beeinflussen. Wie der Anzug für den Mann als Panzer wirkt, der einen im harten Berufsleben unverwundbar scheinen lässt, genauso wirkt Makeup und Kleidung auf Frauen.
Doch es gibt viel mehr. Einsätze für fülligeres und längeres Haar, Wimpern die klimpern, Augenbrauen, die hervorgehoben werden, bis hin zu Tätowierungen gibt es alles. Wer als Mann noch glaubt, Nagellack sei nur eine Farbe aus einem Fläschchen, der kennt die Nagellackmaschinen nicht, die ganze Gemälde auf jeden einzelnen Nagel auftragen können. Ich weiß heute mehr über Microblading, Lockenstäbe und Grundierung als mir je in den Sinn gekommen ist. Genauso interessant wie die ausgestellten Produkte und Dienstleistungen ist auch das Publikum und die Stimmung. Frauen Frauen Frauen überall, die tief in Gespräche vertieft Fachtipps und Meinungen austauschen und sich gegenseitig unterstützen. Auch eine Podiumsdiskussion zweier Beauty-Unternehmerinnen, die über das Business, die Kundinnen und die damit verbundenen Herausforderungen sprachen, gaben Interessierten einen guten Einblick in diese Welt.
In diesem Sinne machte ich mich diesen Februar auf zur weltgrößten Agrotech-Konferenz, der World Ag Expo, in Tulare, im Central Valley, das auf halbem Weg zwischen San Francisco und Los Angeles gelegen ist. Wieder ein ganz anderes Thema, denn hier kamen Farmer aus aller Welt zusammen um die neuesten Trends zu erkunden und alte Kontakte aufzufrischen und neue zu knüpfen. Die Diversität war für mich überraschend. Ich sah den typischen weißen Farmer mit Cowboyhut und Stiefel, mexikanische Bäuerinnen, die riesige Traktoren inspizierten, koreanische und japanische Agro-Delegationen, die in Gruppen durch das riesige Ausstellungsgeländer liefen, aber auch sehr viele Highschool-Schüler aus der Umgebung, die auf einer Art Schnitzeljagd unterwegs waren und dabei unter anderem riesige Schaumstoff-Cowboyhüte ergattert hatten. Und zwischendrin sah ich deutschstämmige Amische, die in ihren traditionellen Gewändern und langen Bärten den Zustand gewaltiger Erntemaschinen diskutierten.
Von Waffenverlosungen über lebendes Vieh, autonome Traktoren und Drohnen, gigantische Maschinen und Steaks bis hin zu Highschool-Schülern, Landwirten und Landbewohnern war alles und jeder dabei. Nicht nur das, ich traf auch unerwartet einen Bekannten, den ich vor einigen Jahren mit einer Silicon-Valley-Delegation von brasilianischen Rinderfarmern und einem Besuch bei der Agrar-Uni Fresno State kennengelernt hatte. Er arbeitete am Stand für sein Unternehmen ECO2MIX, das pH-Werte für die Feldbewässerung umweltgerecht kontrolliert und versorgt.
Was waren Highlights für mich, beziehungsweise was empfand ich als überraschend? Da waren einmal autonome Traktoren und Unkrautvernichtungsmittelspritzer, Unkrautjäter mit Lasern, Drohnen in allen möglichen Größen und Formen, jede Menge Technologien die nachhaltige Landwirtschaft möglichen machen, Wasserbetten für Kühe, Reinigungsroboter für den Kuhmist in der Roboscheune, und Geräte für die Smart Farm, wo die Farmer von ihrem Büro aus alles im Überblick haben.
Überrascht hat mich dann doch die enorme Größe dieser Landwirtschaftsmaschinen und der Kontrast zwischen Modernität und Bodenhaftung. Auch eine Ausstellung von antiken Landwirtschaftsmaschinen, die zwei Jahrhunderte zurückreichen, war sehr aufschlussreich und zeigte, dass die Landwirtschaft schon immer ein Technologievorreiter war.
Das einzige, das ich vermisst habe, waren Corn Dogs. Solche habe ich noch nie gegessen, obwohl ich seit über 20 Jahren in den USA wohne und sie auf Vergnügungsmessen und Kirtagen überall verkauft werden. Auch wenn sie angeblich ganz grauslich schmecken sollen, aber das hält mich nicht davon ab, sie einmal zu probieren. Nächstes Mal vielleicht.
Werde ich diese Erfahrung für meine zukünftige Arbeit nutzen können? Ich habe keine Ahnung. Aber es gibt mir ein breiteres Verständnis für die Welt, in der wir leben, und für die Menschen in dieser Branche. Und wie schon Steve Jobs sagte, die „Dots können nur hinterher miteinander verknüpft werden“. Mit anderen Worten: der Wert für mich wird sich erst in Zukunft zeigen, aber ich kann sagen, dass ich die Konferenz bereits jetzt als sehr lehrreich für mich empfand.

