Vor ein paar Wochen stellte ich eine kleine Übersicht zu einem Phänomen zusammen, das mir anfänglich gar nicht so aufgefallen war, nun aber auf der Karriereplattform LinkedIn überhand zu nehmen scheint. Es handelt sich dabei um Posts von Frauen (und auch ein paar Männern), die meistens in Kombination von Selfies unterschiedlicher Art, die manchmal mit gehaltsvollen, oftmals aber völlig belanglosen Texten gepaart waren.
Gegen Selfies an sich gibt es nichts zu sagen. Ginge es nur darum, dann gibt es ausreichend geeignete Plattformen dafür: Instagram. Facebook, Tik Tok und ähnliche. Ich frage mich aber, was man damit auf der Karriereplattform LinkedIn bezwecken will.
Dort präsentiert sich die überwiegende Mehrheit der Benutzer mit Posts zu ihrer Arbeit oder ihrem beruflichen Fachgebiet, und hin und wieder mit einer privaten Ankündigung (Baby, Hochzeit, Verlust einer Person). Zumeist aber dreht sich alles um die professionelle Karriere.
Scheinbar nicht mehr. Eine Art von Post sind diese Selfies, die scheinbar als Clickbait dienen, um Interaktionen mit anderen Benutzern zu bewirken. Da wird über absolute Belanglosigkeiten (warum mein Kaffee warm ist, was mich mein offenes Schuhband gelehrt hat, oder warum man dieses eine Emoji so mag). Selbst vor Bikini- und Sideboob-Selfies wird nicht zurückgeschreckt.
Manche dieser Posts haben tatsächlich gehaltsvolle Begleittexte, doch dazu wird ein Selfie dazu reingestellt, das absolut nichts mit dem Thema zu tun hat, weder den Sachverhalt erklärt, noch irgendwie sonst passend ist, dabei aber eines zeigt: viel – oft sehr viel – Haut.
Warum solche „Püppchenposts“?
Und ich frage mich dann: warum? Warum kriege ich das in meine Timeline? Und warum machen die Leute so etwas? Dieses Etwas hat ein LinkedIn-Benutzer treffend als „Püppchenpost“ bezeichnet.
Das erste Warum ist klar beantwortet: zu viele meiner Kontakte kommentieren oder liken diese Posts. Sie nehmen die Inhalte auch scheinbar ernst, obwohl sie reine Luft sind. Und schon wird das in meine Timeline gespült.
Das zweite Warum fällt mir schon schwerer zu beantworten. Eine Social-Media-Coachin meinte, Frauen sollten das ausnutzen und bewusst diese Sichtbarkeit generieren, indem sie ihre Jugend und Schönheit ganz bewusst durch das Posten solcher Selfies ausnutzen. Das bringt Aufmerksamkeit. Und sie ist nicht die Einzige. Auffallend viele dieser Personen, die solche gehaltslosen Selfieposts absetzen, scheinen irgendwie Social-Media-, Influencer- oder Wie-man-auf-LinkedIn-seine-persönliche-Brand-schafft-Coaches zu sein.
Mit anderen Worten: diese Selfie-Posts vermehren sich, nicht aber die relevanten Inhalte.
Dass gehaltsvolle Posts vielleicht zielführender sein könnten, die die richtige, beruflich wertvolle Aufmerksamkeit generiert, scheint auf diesen Social-Media- und Personal-Branding-Strategien nicht zu stehen. Und das rächt sich. Denn die generierte Sichtbarkeit ist substanzlos. Sobald es nämlich um etwas wirklich Wichtiges geht, verpufft diese Sichtbarkeit, weil sie sich nie in Substanz verwandelt hat.
Substanzlose Sichtbarkeit
Am Beispiel eines exemplarisch herausgegriffenen LinkedIn-Kontos kann man sehen, wie die Timeline dieser Person der letzten Monate ausgesehen hat. Ein „Püppchenposts“ nach dem anderen in verschiedenen Posen. Und dabei habe ich nach zwei Dutzend Posts aufgehört, weiterzuscrollen. Und so sehen viele dieser Accounts aus.
Geht es um die Karriereplattform LinkedIn, erwartet man sich doch eigentlich, dass die begleitenden Texte gehaltsvoll sind, beziehungsweise sich jemand darum bemüht hat sie gehaltsvoll zu machen. Bei diesem spezifischen Account sind sie es sogar zum Teil. Sie beschreiben das Fachgebiet der Person. Doch die Selfies haben absolut keinen Bezug zu den textlichen Inhalten. So werden bspw. Psychologen wie Albert Bandura und andere Kapazunder zitiert, aber kein Bild der Person, kein Hinweis auf eines von deren Büchern oder Studien, keine passende Bebilderung. Die Bebilderung beschränkt sich einzig und allein auf ein Selfie der postenden Person in unterschiedlichen Posen.
Und dafür kriegt sie auch jede Menge Interaktion. Im Schnitt mehr als hundert Likes, mindestens drei Dutzend Kommentare und den gelegentlichen Repost.
Sobald diese Person aber einmal einen völlig anderen, wirklich wichtigen Inhalt teilt und dabei kein Selfie dazu postet, dann bleibt selbst nach einer Woche die Anzahl der Interaktionen im traurigen einstelligen Bereich.
Mit anderen Worten: die Posts dieser Person haben keine Wirkung im realen Leben. Zumindest nicht für diesen von ihr geteilten Post.
Sichtbarkeit für Frauen?
Als Rechtfertigung dafür wurde sehr oft von solche Selfies postenden Frauen die Sichtbarkeit für Frauen genannt. Sprich Männer hätten bis jetzt all die Sichtbarkeit erhalten, Führungsspitzen besetzt und beruflichen Reputationen erhalten. Doch nun würden Frauen dadurch Gelegenheit zu mehr Sichtbarkeit erhalten. Endlich hätte man die Möglichkeit, beruflich sichtbar zu werden und nicht als unqualifiziert wahrgenommen zu werden, statt wie bisher die Frau nur als beruflich unqualifiziertes Objekt zu betrachten und auf ihr Äußeres zu reduzieren.
Klar, verstanden. Und ist auch sehr gut so. Doch ehrlich: das macht man nun, indem man Selfies postet, die erst wieder den Blick auf das Äußere der Frau richten und sie darauf reduzieren?
Weist man als Mann auf diese Form von Püppchenpost hin, wird das gleich mit dem „male gaze„, der an der Frau – egal was sie an hat oder wie sie sich gibt – nur eine sexualisierte Form erblickt. Diese Kritik und dieser Hinweis sind berechtigt. Doch wie gerechtfertigt man Bikini- oder Sideboob-Posts, wenn sie mit den eigenen Texten oder der beruflichen Fachrichtung nichts zu tun haben?
Gelegentlich wird auch eingeworfen, dass diese oder jene Person damit sogar einen Job erhalten hat. Doch die meisten schauen nicht so aus, als ob sie wirklich damit beruflich erfolgreich sind, denn ihr Beschäftigtenstatus weist auf andere berufliche Tätigkeiten hin, mit denen sie ihr Brot verdienen.
Soll man als jemand, dem solche Püppchenposts merk- und diskussionswürdig vorkommen, einfach weiterscrollen? Sich ein neues Hobby suchen? OK, Boomer – jetzt regiert GenZ und die machen alles super?
Ich denke Nein. Denn auf jedes noch so kleine Wort, das stereotypisierend oder beleidigend wirken könnte, springen empörte Benutzer sofort ran und demolieren die Täter. Aber Püppchenposts sollen wir zulassen, weil nicht die postenden Personen, sondern die Betrachter einen Knall haben?
Faustregeln
Wenn Inhalt und Bild nicht zusammenpassen oder einfach nur zur Content-Wüste und zum Attention Seeking (Aufmerksamkeit heischen) auf der Karriereplattform LinkedIn beitragen, dann muss man sich diese Fragen von anderen schon gefallen lassen.
Bevor man/frau auf LinkedIn postet, sollten sie sich folgende Fragen stellen:
- Bringt mich so ein Post beruflich weiter?
- Streiche ich damit meine beruflichen Kompetenzen hervor?
- Ist der Beitrag beruflich wertvoll für andere Leser*Innen?
- Schaffe ich damit Sichtbarkeit, die substanzlos ist?
- Ist das die richtige Social-Media-Plattform für Bikini-/Muskel-/Yoga-/Etc.-posen?
Wenn die Antwort darauf jedes Mal oder ein überwiegender Teil davon ein Nein ist, dann ist das ein Zeichen, dass solch ein Post auf LinkedIn lieber zu unterlassen ist. Es gibt ausreichend andere Social-Media-Plattformen, wo sie willkommen sind.
Was denken andere darüber?
Während die TäterInnen sich ertappt und auf den Schlips getreten fühlen, und hysterisch und patzig reagieren („male gaze“, „Sexualisierung“, „Wir Gen Z wissen eben, wie man Aurmerksamkeit erregt“, „Du bist ja nur neidisch“), betrachten andere solche Art von LinkedIn-Beiträgen ebenso als eine Lawine von LinkedIn-Müll, die die Feeds zukleistern.
Hier ist ein LinkedIn-Post von Sarah Emmerich mit dem Titel Aufreizende Bilder sind keine LinkedIn Content-Strategie.
Und hier ein Video:

