Die Europäische Union ist bestrebt, dass die Kontrolle über die Daten der eigenen Bürger in europäischen Händen bleibt und nicht in Länder außerhalb der EU abgegeben wird. Diese Bestrebungen haben dazu geführt, dass Daten europäischer Bürger in der EU gespeichert werden müssen und nicht ans Nicht-EU-Ausland weitergereicht werden dürfen.
Erfüllt die Datensouveränität ihren Zwecke, oder behindert sie in ihrer Bemühung, Daten für ihre eigenen Bürgern nützlich zu machen? Wenn Regulierungen und Gesetze zu Daten und deren Nutzen die inhärente Komplexität nicht berücksichtigen, dann kann das Potenzial mit diesen Daten Gutes für die EU-Bürger zu schaffen nicht nur nicht ausgeschöpft werden, sie kann tatsächlich Schaden anrichten. Anstatt einem Chancenprinzip zu folgen, folgt Europa oft dem Gefahrenvermeidungsprinzip. Letzteres kann damit genau diese und andere Gefahren als Ergebnis haben, die man zu vermeiden versucht hat.
Beispiel Medizinische Daten
Ein Maschinenlernmodell, das mit medizinischen Daten aller Bürger trainiert wird, kann neue Muster zu Erkrankungen, Risikofaktoren und Behandlungserfolgen erkennen, die Fortschritte bei der Behandlung und Entwicklung von Medikamenten erzielen kann. Wenn hingegen Daten nicht zusammengeführt, verglichen und analysiert werden können, weil damit personenbezogene Daten bekanntwerden könnten, dann kann es nicht oder nur verzögert zu diesen Fortschritten kommen.
Ich möchte das anhand von fünf Aspekten aufschlüsseln: dem rechtlichem wirtschaftlichen, technologischen, politischen und militärischen Aspekt.
1. Rechtlich
Die EU brüstet sich seiner strengen Gesetze und Regulierungen, die den Datenschutz in den Vordergrund stellen. Diese geschichtlich bedingte Betrachtungsweise, die aus den negativen Lehren von aus dem deutschsprachigen Raum hervorgegangenen zwei Ideologien, den Nationalsozialismus und dem Kommunismus, stammen, bei denen die Grundrechte der Bürger vieler europäischer Länder durch die Verletzung von personenbezogenen Daten zur Verfolgung, der Inhaftierung, der Folter, der Entrechtung und der Ermordung von Bürgern geführt hat, ist verständlich. Daten dürfen nie mehr für diese Zwecke eingesetzt werden. So schön, so verständlich, so unterstützenswert, so gut.
Doch die Auswirkungen gehen weit über personenbezogene Daten hinaus. Denn auch Daten, die von Maschinen in z.B. Produktionsbetrieben erzeugt werden, sind immer personenbezogen. Eine Maschine wird von Menschen betrieben, gewartet und überwacht. Damit ist es immer möglich herauszufinden, wer im Fall eines Schadens für die Maschine zuständig gewesen war. Und da kommen Mitarbeitende, Betriebsräte und Gewerkschaften ins Spiel, die Datensammlungen in Betrieben aus der Warte der Notwendigkeit, Minimalistik und Zuordenbarkeit betrachten. Ist die Sammlung spezifischer Daten betriebsnotwendig? Kann der Betrieb mit weniger Daten auch erreicht werden? Und können die Daten Mitarbeitern zugeordnet werden, und darauf Entscheidungen zum Karrierefortschritt, Gehalt und möglichen Entlassungen basiert werden?
Diese Auslegung führt dazu, das die Datensammlung in der EU stark limitiert ist. Nicht unbedingt, weil das Gesetz oder die Regulierung das explizit so vorschreibt, sondern weil sie in Rechtsabteilungen der Unternehmen und den Gerichten in den Ländern vorsichtshalber strenger ausgelegt werden, als sie gemeint waren.
Beispiel Wien
Ein Beispiel dazu stammt aus meiner Heimatstadt Wien, wo die stadteigene Bauverwaltung Wiener Wohnen 220.000 Gemeindewohnungen verwaltet. Mieter hatten geklagt, dass sie sich in ihrem Datenschutz verletzt fühlten, weil an den Türklingelschildern ihre Namen standen. Nach Konsultationen mit den Datenschutzbeauftragten der Stadt begann die Gemeindebauverwaltung 220.000 Türklingelschilder auszutauschen und die Türklingeln statt mit den Namen der Mieter nur mehr mit Top 1, Top 2, Top 3., usw. auszuschildern. Diese Auslegung der DSGVO erregte internationales Aufsehen, und die EU-Kommission sah sich veranlasst, darauf hinzuweisen, dass diese Auslegung nicht korrekt sei.
Diese Kontroverse zeigt, wie die DSGVO Rechtsunsicherheit geschaffen hat. Und sie lebt weiter, denn oft noch bevor Daten gesammelt werden, ist die DSGVO schon im Zentrum der Diskussion, mit dem abschreckenden Effekt, dass die Technologie nicht entwickelt wird, oder die „Schere im Kopf“ bei den Entwicklern dazu führt, kaum oder keine Daten zu erfassen.
Die Folge ist, dass die in Europa verfügbaren Daten nicht nur in geringem Umfang vorliegen, sie sind auch massiv ausgedünnt. Und es kommt hinzu, dass EU-Vorschriften die Datensammler verpflichten, Daten veralten zu lassen, d.h. sie dürfen nur eine bestimmte Zeit vorgehalten und müssen dann gelöscht werden.
Beispiel Ottawa
Die kanadische Stadt Ottawa benutzte Aufnahmen von Google Streetview über mehrere Jahre hinweg, um die Stadtentwicklung und speziell die Gentrifizierung von Stadtteilen zu analysieren. Eine ähnliche Analyse ist in Europa nicht möglich, da Datensammler verpflichtet sind, die Daten zu nach einer Frist zu löschen.
Die Anstrengungen der EU, Datensouveränität zu erreichen, steht vor ähnlichen Herausforderungen, denn sie berücksichtigt vor allem sich selbst, ohne das größere Bild zu sehen, die ich in den folgenden Aspekten beleuchten möchte.
2. Wirtschaftlich
Europäische Unternehmen scheinen den Betrieb von Datenzentren vor allem als Kostenfaktor und nicht als Profitcenter zu betrachten. wie sonst erklärt sich die Zurückhaltung bei den Anbietern und der Dominanz von US-amerikanischen Datenzentren und Cloudbetreibern in Europa?
Gemäß Angaben von Mordor Intelligence, listet die Rangliste der wichtigsten Datenzentren-Anbieter nach Zahl der Kunden nicht europäische, sondern – wenig überraschend – drei US-amerikanische: AWS, Microsoft Azure und Google Cloud. Dann folgt mit OVHcloud ein französischer Anbieter, gefolgt von zweit weiteren Anbietern aus den USA: Oracle und IBM.
Und das, obwohl die EU Datensouveränität vorantreibt und verlangt, dass europäische Daten in Europa gehostet werden. Doch nicht SAP oder Siemens sieht man hier vorpreschen, sondern diejenigen, die man eigentlich außen vor halten wollte.
Auch hier gilt, dass damit Chancen nicht ergriffen werden können. Der Betrieb von Datenzentren bringt nicht nur Lerneffekte und Erfahrungen mit sich, sie schafft auch Nachfrage nach weiteren Produkten und Dienstleistungen. Von CPUs/GPUs angefangen, hin zu Werkzeugen, die Ausfallsicherheit und die Entwicklung von Cloudbasierten Lösungen ermöglichen. Das bringt erhöhte Anforderungen an Breitband- und Mobilfunk mit ich, Resilienz gegen Cyberattacken, Nachfrage nach einer europäischen Produktion von Prozessoren, und schafft die Voraussetzung für europäische KI-Modelle, die europäische Werte, Moralvorstellungen, Geschichte, Kultur und lokales Wissen verkörpern. All diese Anforderungen schaffen Möglichkeiten für neue Geschäftszweige und Unternehmen.
Der Blickwinkel der Datensouveränität schränkt sich hingegen gemeinsam mit der Datenschutzgrundverordnung zu einer reinen Hosting-Frage ein. Es wird nicht ein Rahmen geschaffen, diese Daten zum Nutzen Europas zu verwenden. Dieser Blickwinkel ähnelt einer gegensätzlichen Entscheidung in den USA und Europa. Es ging hierbei um das Urheberrecht von Datenbanken, deren unterschiedliche Rechtsprechung zu wirtschaftlich gegensätzlichen Dynamiken führten.
Beispiel Datenbank
1991 stand der Oberste Gerichtshof der USA vor der Entscheidung, ob Datenbanken Originalität und damit ein Urheberrecht zuzuweisen sei. Ein lokaler Telefonserviceanbieter war nicht bereit gewesen, Informationen aus seinem Telefonbuch an einen Verlag zu lizenzieren. Der Verlag übernahm daraufhin ohne Lizenz die Telefonbucheinträge in sein eigenes Telefonbuch und wurde prompt wegen Urheberrechtsverletzungen verklagt. Der Oberste Gerichtshof entschied letztendlich, dass eine reine Sammlung von Fakten durch das Urheberrecht nicht geschützt ist. Schützenswert sei nur eine originelle Art, die Daten zu sammeln oder zu kategorisieren. Eine rein alphabetische Anordnung der Daten stellt allerdings keine Originalität dar.
Diese Entscheidung schien im ersten Moment die Erstellung von Datenbanken zu verhindern, weil man seine Arbeit daran doch nicht schützen konnte. Deshalb entschied die EU 1992, dass Datenbanken für einen Zeitraum von 15 Jahren unter das Urheberrecht fallen. In genau das Gegenteil trat ein. In einer Analyse der Europäischen Union aus dem Jahr 2005 wurde den Auswirkungen der Rechtsprechungen aus den Jahren 1991 und 1992 nachgegangen. Das Ergebnis der Studie war, dass einerseits die wirtschaftliche Auswirkung des Rechtsschutzes nicht überprüfbar war und dass andererseits die vorhergesagte Anregung der Schaffung von Datenbanken in Europa nicht eingetreten ist. 100 Amerikanische Datenbankersteller erlebten Wachstum, während das Datenbankvolumen der europäischen Mitbewerber nicht anstieg oder sogar geringer wurde.
Alle Anzeichen scheinen darauf hinzudeuten, dass das Streben nach Datensouveränität auch die wirtschaftliche Dynamik des EU-Raumes behindert.
3. Technologisch
Ein Vertreter der weltweit führenden niederländischen Chip-Lithographiemaschinenherstellers ASML enthüllte im Herbst 2026, dass in diesem Jahr keine einzige Bestellung dieser Maschinen aus Europa kam. In einem Moment, wo zwischen den führen Mächten ein Wettrennen um KI und Datenzentren stattfindet, liegt die EU im Tiefschlaf. Es werden keine Kapazitäten für die Entwicklung und die Produktion von GPUs errichtet.
Was nützt es den Europäern, wenn sie sich ständig ihrer technologischen Fähigkeiten rühmen, diese aber nie in die Wirklichkeit für das Wohl der Menschen umsetzen? Als ob das Sich-selbst-der Fähigkeiten-rühmen die tatsächliche Handlung ersetzte.
Datenzentren, die vorwiegend von US-amerikanischen Unternehmen mit in den USA designten CPUs und GPUs betrieben werden, und auf denen US-amerikanische Software läuft und KI-Modelle trainiert werden, zeugen nicht von technologischen Fähigkeiten der Europäer, sondern von einer Abhängigkeit von Kapital, Können und Umsetzungsvermögen der Amerikaner.
Nicht zu vergessen sind die zusätzlichen Dienste, die Rechenzentren benötigen: sie benötigen viel Strom und Wasser zur Kühlung. Wie in Hass auf Datenzentren dargestellt, befinden sich in den USA bereits Datenzentren in der Leistung von 31,7 GW in Bau, und weitere 191 GW in Planung.
Die Unternehmen suchen wegen der extremen Anforderungen an Energie und Kühlung bereits nach Alternativen. Eine von Unternehmen wie Google, Amazon oder SpaceX ernsthaft betrachtete Lösung sind Datenzentren im Orbit, wo ausreichend Sonnenenergie und technisch im Detail noch ungelöst entsprechende Kälte herrscht. SpaceX-CEO Elon Musk avisiert dabei eine Million Datenzentren in Form von Satelliten im Weltall, die er alle 30 bis 40 Kilometer anordnen will.
Kann Europa da mithalten? Aktuell technologisch nicht, denn dazu fehlt die Trägerrakete, die Datenzentren in dieser Größe und Stückzahl in den Orbit bringen kann.
4. Politisch
Das europäische Paradox, das mich verwirrt, ist, dass einerseits die EU darauf besteht, Datenzentren in Europa zu errichten, damit dort die Daten europäischer Benutzer und Unternehmen gespeichert und verwendet werden können. Andererseits wehren sich Einwohner gegen die Errichtung von Datenzentren auf ihrem Grund. So haben die Bürger von Groß-Gerau in Hessen den Bau eines Datenzentrums im Wert von €2,5 Milliarden gestoppt, und auch in Linz in Oberösterreich beginnt sich Widerstand gegen ein seit Jahren geplantes und nun in Angriff genommenes Datenzentrum zu regen.
Dieser Hass auf Datenzentren kommt nicht von ungefähr: er scheint für die Bürger die einzig greifbare Möglichkeit, ihren Unmut gegen die einschneidenden Änderungen, die KI mit sich bringt, vorgehen zu können. Zum Schaden der eigenen Wirtschaft und der eigenen Datensouveränität. Man will digitale Services einer modernen digitalen Wirtschaft, man will saubere Energiequellen, aber bitte das Datenzentrum und das Windrad nicht bei mir.
Wie problematisch der Betrieb von Datenzentren in Europa durch US-amerikanische Anbieter ist, ist an der erratischen Haltung der aktuellen US-Administration zu erkennen. Auch wenn die europäischen Microsoft- oder Google-Niederlassungen rechtlich getrennt von ihren US-Müttern sind, mussten wir doch erkennen, dass diese ohne Weiteres auf europäische Daten zugreifen, wenn die US-Regierung die Schrauben anzieht.
Während die EU Datensouveränität predigt und vorschreibt, fehlt es in den Mitgliedsländern am politischen Willen die dazu benötigte Infrastruktur wirklich aufzubauen. Zu groß und damit für eine Wiederwahl zu riskant ist die Unterstützung für Datenzentren im eigenen Wahlbezirk.
5. Militärisch
Die neueste Taktik der Ukrainischen Armee sind seit einigen Tagen Attacken auf Datenzentren des russischen Internetgiganten Yandex. Schon m Frühjahr 2026 führte der Iran Attacken auf Datenzentren von AWS und Oracle in Bahrain und den Vereinigten Arabischen Emiraten aus. Dabei sind Daten unwiderbringlich verloren gegangen. Die Situation von Yandex in Russland ist noch dramatischer. Die Datenzentren sind viel konzentrierter und der Konzern, auf den sich zigtausende russische Unternehmen für ihre Geschäftsanwendungen verlassen, Taxifahrer und Lieferdienste für Bestellungen, die gesamte Logistik der Russischen Föderation, aber auch Telekommunikations- und Internetdienste, sowie KI-Dienste und die Internetsuche darauf ablaufen, betreibt fünf große konzentrierte Datenzentren. Von denen sind mit Stand heute drei zerstört. Und die liefen bereits mit 95% Kapazität, d.h. die verbleibenden können die Ausfälle nicht so einfach kompensieren. Auch ist ein Wiederaufbau innerhalb eines kurzen Zeitraum unmöglich, noch dazu mit den westlichen Sanktionen, die die dazu benötigten Prozessoren schwer zu beschaffen und wenn dann nur zu überhöhten Preisen machen. Da die Russische Föderation über keine eigene Chipproduktion verfügt, ist sie auf Anbieter aus dem Ausland angewiesen.
Hinzu kommt, dass russische Gesetze einerseits die Spiegelung von Daten in befreundeten Ländern verbieten, andererseits westliche Sanktionen die Spiegelung der Daten auch von dieser Seite unmöglich machen. Eine der unmittelbaren Konsequenzen, die ausnahmsweise nicht nur die russischen Bürger betrifft: Des- und Missinformationskampagnen in westlichen sozialen Medien, die von russischen Bots gesteuert werden, fielen mit der Zerstörung der Yandex-Datenzentren um bis zu 100%.
Damit zeigt sich anhand von Russland, wie das Streben nach Datensouveränität und fehlende Dezentralisierung der Datenzentren ein immenses militärisches Risiko darstellen können. Datensouveränität, die darauf besteht, Datenzentren in Europa zu betreiben, aber solch ein Szenario nicht bedenkt, schafft Risiken. Spiegelung von Daten und der Aufbau von europäischen Datenzentren außerhalb der EU, wie Afrika, USA, Asien oder sogar extraterrestrial: im Orbit, sollten kein Tabu sein und eine strategisches Element in der Datensouveränität und Datensicherheit.
Schlussfolgerung
Datensouveränität isoliert als rechtliche Herausforderung zu betrachten, ohne wirtschaftliche, technologische, politische und militärische Aspekte in einer geopolitsch angespannten Situation zu betrachten, schadet Europa mehr als es nutzt. Der rechtliche Aspekt verblasst angesichts der anderen Aspekte, doch ist das bislang nicht in den europäischen Regierungen und Unternehmen angekommen.
Der Fokus sollte sein, wie Europa sich von der Abhängigkeit von US-Anbietern bei Datenzentren, KI-Modellen, Chipproduktion und Software lösen kann und eine finanzielle, technische, regulatorische und unternehmerische Rahmenbedingungen schaffen kann, die diese Abhängigkeit auflösen kann.
