Warum werden die Klimakleber so gehasst?

Vor ein paar Tagen war es soweit. Der größte Terroranschlag in der Geschichte Deutschlands wurde ausgeübt. Was war geschehen? Ein paar Klimaaktivisten hatten am Flughafen Frankfurt die Zäune durchgeschnitten und sich am Rollfeld festgeklebt. Die Folgen waren verheerend: 170 Flüge wurden gestrichen, tausende Urlauber konnten nur verspätet in die Urlaubsziele fliegen. Ein Glück, dass es keine Toten gab.

Liest man die Medienberichte, die Kommentare in sozialen Medien oder hört sich die Forderungen der Politiker und betroffenen Unternehmen nach langjährigen Haftstrafen an =- die Todesstrafe gibt es leider nicht mehr – dann sind die Klimakleber die schlimmsten Verbrecher aller Zeiten, die von der vollen Härte des Gesetzes getroffen werden sollen. Überhaupt, Klimakleber sind ja alles Nichtsnutze, die erst einmal was ordentliches Arbeiten sollen und denen mal eine Tracht Prügel helfen würde, nicht den hart arbeitenden Menschen ihren wohlverdienten – und es ist immer ein wohlverdienter – Urlaub zu vermiesen.

Woher kommt dieser Hass und ist er gerechtfertigt? Denn wenn ich mir andere Disruptionen des täglichen Lebens in naher und ferner Vergangenheit ansehe, dann bin ich etwas verwundert, ob der Verhältnismäßigkeit der öffentlichen Reaktion.

RAF-Terror

In den 1970er und 1980er Jahren wurde Deutschland vom RAF-Terror in Atem gehalten. Bombenanschläge, Entführungen, Morde und Banküberfälle durch mehrere Generationen an RAF-Terroristen standen an der Tagesordnung. Der Staat wusste nicht anders zu reagieren, als Autobahnsperren mit Checkpoints einzurichten und strenge Kontrollen einzuführen, die das tägliche Leben aller Bundesbürger einschränkte. Immer noch sind einige der Terroristen auf der Flucht.

Streiks

In jüngster Vergangenheit, und ich spreche da von den letzten paar Monaten, stand das Leben in Deutschland still, weil die Lokführer, die Piloten, das Sicherheitspersonal an Flughäfen, die Bauern und die Postbeamten streikten. Und das mehrmals und zum Teil mit viel Gewalt und Zerstörung. Gerade die Bauernproteste hinterlassen regelmäßig ein Chaos. Dabei werden regelmäßig der Flug-, Eisenbahn- und Straßenverkehr lahmgelegt. Millionen an Bürgern, die nicht in die Arbeit, nicht zur Schule, nicht zum Krankenhausbesuch, nicht zur Operation fahren, nicht Lebensnotwendiges einkaufen können, weil diese Berufsgruppen alles blockieren.

ich will dabei nicht wissen, wie viele Tote es deswegen gab, weil Rettungswagen nicht durchkamen oder jemand nicht rechtzeitig eine Operation oder Behandlung erhielt. Darüber wird nie gesprochen.

Und: diese Berufsgruppen sind nicht unterprivilegiert oder nagen am Hungertuch. Nein, im Verhältnis zu vielen anderen Berufen verdienen sie viel oder erhalten sie hohe Subventionen.

Gerade erst wurden auch noch Millionen von Computern durch einen Softwarebug lahmgelegt, die etliche Fluglinien betraf, die ihre Flüge streichen mussten.

Das alles nimmt die Öffentlichkeit wenn schon nicht mit Achselzucken dann doch mit einer gewissen Lethargie hin. Da werden von den Medien und den Politikern keine Haftstrafen gefordert, keine Kommentatoren beschimpfen die Bauern und Piloten. Ganz im Gegenteil: man versteht sie sogar, hat Mitgefühl mit ihnen. Und: man zieht den Schwanz ein und gibt nach und geht auf ihre Forderungen ein.

Klimakleber

Klimakleber hingegen, die auf ein Problem hinweisen, das unser aller Zukunft betrifft? Da wird Hass gesprüht, steht den Leuten der Schaum um den Mund, werden sogar beinahe Rufe nach der Wiedereinführung der Todesstrafe laut.

Es geht hier um viel mehr als einem kleinen Streik. Es geht um die Bedrohung des Lebensstils, der beispielsweise durch Verbrennungsmotoren und Flug in den Urlaub definiert wird. Lokführer oder Bauern bedrohen den nicht, zumindest nicht unmittelbar.

Anders bei Klimaklebern. Die Tatsache, dass die hinter der Klimaschutzbewegung stehenden, prominenten Personen oft Frauen sind, verschlimmert die Sache noch. Dass gerade Greta Thunberg Ziel von Online-­Gewaltandrohungen und Hass wird, hat weniger damit zu tun, dass die Männer schwedische Mädchen mit Zöpfen oder Hamburger Mobilitätsexpertinnen hassen, als vielmehr mit dem, wofür sie stehen. Sie repräsentieren die Bedrohung ihres durch Benzin ermöglichten Lebensstils und Lebensgefühls und damit ihrer heterosexuellen maskulinen Identität.

Denn, das muss man noch hinzufügen, die Mehrheit der Klimakleberhasser sind Männer. Und diese Phänomen wird sogar wissenschaftlich untersucht. Hier ein Auszug aus meinem Buch CYBERF*CKED:

An der Technischen Universität Chalmers in Schweden gibt es das weltweit erste Institut, das sich der Erforschung des Phänomens der Klimawandelverleugnung widmet. Es wird uns an dieser Stel­le wenig überraschen, dass Maskulinität im Zusammenhang mit der Verleugnung des Klimawandels einen der Forschungsschwer­punkte darstellt. Und tatsächlich zeigen die ersten Studienresulta­te, dass Männer häufiger als Frauen die Schwere des Klimawandels leugnen und sich mehr durch die Klimaschutzbewegung bedroht fühlen. Man lasse sich das auf der Zunge zergehen: Diese Männer fühlen sich weniger durch den Klimawandel bedroht als durch die Initiativen, die den Klimawandel aufhalten und umkehren wollen. Für sie fühlt sich ihre Maskulinität wie der letzte Strohhalm an, an den sie sich in einer sich rapide wandelnden Welt noch krallen können, und nun soll ihnen dieser auch noch aus der Hand gerissen werden. Dabei deutet nichts darauf hin, dass Männer mit Elektro­autos oder elektrischer Heizung weniger maskulin wären.

Der Klimawandel ist somit nicht nur eine Existenzbedrohung, eine Herausforderung für Technologie, Politik und unser Verhalten, sondern auch massiv mit unserem Rollenverständnis der Geschlech­ter verbunden.

Mit anderen Worten: es geht hier um mehr als nur um Streik, es geht um die Angst den eigenen Lebensstil hinterfragt und einen Spiegel zum eigenen Verhalten vorgehalten zu kriegen. Und das bewirkt eine viel intensivere und vor allem irrationale Reaktion auf Protestaktionen von Klimaaktivist*Innen und Klimakleber*Innen.

Das ist das eigentliche Problem, nicht die Klimakleber*Innen, und das sollte thematisiert werden. Klimaschutz sollte uns alle ein Anliegen sein.

2 Gedanken zu “Warum werden die Klimakleber so gehasst?

  1. sehr richtig!

    aber so kann man Wut und Frust auf wenige Engagierte lenken und gleichzeitig hinter dem Vorhang weiter den (Drecks-)Geschäften nachgehen

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