Anfang der 1990er Jahre fesselte eine schräge Spätabendshow die Gemüter der österreichischen Fernsehzuschauer. Aufgezeichnet im mittlerweile schon lange nicht mehr existierenden Festsaal der kommunistischen KPÖ in Wien hatte Hermes Phettberg, geboren als Josef Fenz, ähnlich der Late-Night-Shows im amerikanischen Fernsehen jede Woche drei Gäste in seine Phettbergs Nette Leit Show eingeladen. Diese waren zumeist Wiener Prominente, Wissenschaftler und Künstler. Durch die Ausstrahlung im Fernsehen stieg der Bekanntheitsgrad von Phettberg, wie auch die Kontroverse, denn die Show kannte nur Fans, die sich die Show voller Genuss gaben, oder Leuten, die damit überhaupt nichts anfangen konnten.
Als Beispiel, wie schräg die Sendung war, wird durch den Auftritt der bekannten österreichischen Fernsehsprecherin Chris Lohner, die ÖBB-Benutzern auch als die Stimme hinter den Ansagen auf Österreichs Bahnhöfen kennen, deutlich. Bevor sie nämlich der Einladung Phettbergs zugesagt hatte, musste er auf ihren Wunsch ein Bad nehmen. Und er zeigte ihr den Beweis in Form eines kurzen Videos.
Seine bekennende Homosexualität, die er als bekennender Masochist und ehemaliger Ministrant in der Show, wie auch in seinen Kolumnen in der Wiener Stadtzeitung Falter immer und immer wieder thematisierte, wie auch seine Demut, sein Wissen, seine Art der Formulierung und Wortwahl, wie auch sein Humor und seine Selbstironie machten genau diesen gewissen Charme der Show aus.
Zu seinen Gästen zählten neben Chris Lohner der Opernkenner Marcel Prawy, die TV -Tierfreundin Edith Klinger, Kaplan August Paterno, Sexualtherapeutin Rotraud Perner, Falter-Herausgeber Armin Thurnher, der Chef der Lebensmitteluntersuchungsanstalt Alfred Psota oder die Kabarettisten und Schauspieler Josef Hader oder Fritz Muliar. In den Fragen an seine Gäste gelang es ihm immer wieder diese so zu stellen, dass er sie mit seiner masochistisch-homosexuellen Orientierung, seiner Fettleibigkeit und seinen Essensgewohnheiten verband und es zu heiteren Szenen kam.
Die Gastauftritte waren umrahmt von Phettbergs Frage an die Gäste „Frucade oder Eierlikör?“ und dem abschließenden Dosenschießen, bevor die Gäste die Bühne verließen. Einer der Gäste, Stefan Weber von der Wiener Rockband Drahdiwaberl, hatte bei seinem Auftritt einen Flachmann mitgebracht, den er großzügig in den Eierlikör goss und während des Interviews komplett austrank, und dann betrunken mit Fleischstückchen, die er irgendwie auf die Bühne geschmuggelt hatte, die Dosen umwarf – und zur Draufgabe noch einen Stuhl hoch hob und am Boden zertrümmerte.
Zu erwähnen darf ich dabei nicht vergessen den von Phettberg jedes mal sehnsüchtig erwarteten Auftritt seines Assistenten „Robin“, der in einer knackig enganliegenden Lederhose auf die Bühne kam und mit einer Polaroid-Kamera ein Bild von Phettberg mit den Gästen machte.
Bei keiner Folge fehlen durfte ein Auftritt der Brüder Poulard, zwei vorgebliche Straußenzüchter aus Belgien, die immer ein und dasselbe Lied vortrugen, und damit selbst zum Kult wurden.
Damals war ich mittendrin meine Dissertation an der TU Wien zu schreiben und mein wichtigster wissenschaftlicher Betreuer war Dr. Christian Hübner, mit dem ich mich sehr gut verstand. Einige Jahre nach dem Ende der Show erzählte er mir, dass seine Schwester, die Künstlerin war, im Sparverein Die Unz-Ertrennlichen um Kurt Palm, der die Show eigentlich als Performance und Theater aufgestellt hatte, Mitglied sei. Deshalb war Christian auch immer wieder bei den Veranstaltungen dabei gewesen.
Meine Anekdote
Als die Show nach viel zu kurzen zwei Jahren eingestellt worden war, nicht weil der Erfolg ausgeblieben war – ganz im Gegenteil, das Ding hob erst so richtig ab, und sie erreichte auf einem Sendeplatz um 23 Uhr eine Einschaltquote von über 30 Prozent – sondern weil die Veranstalter, allesamt Künstler, sie nicht kommerzialisieren wollten, nahm Phettberg die Fanpost in Angriff. Während der Laufzeit der Show waren hunderte Zuschriften eingetrudelt, die Phettberg aus Aberglauben nicht öffnen wollte, solange die Show lief. Doch sobald sie eingestellt worden war, packte er auf Aufgabe an un bemühte sich, die Anfragen zu beantworten.
Christian, der sehr gut mit Datenbanken und Tabellenkalkulationen umgehen konnte, bot sich ihm an, Hilfe zu leisten. Auch, weil er an der Art der Zuschriften interessiert war. Er schrieb ein kleine Datenbankverwaltung, die Standardantworten verfasste, ausdruckte und auf die Phettberg dann noch händisch persönliche Anmerkungen und Worte schreiben konnte.
Was also schrieben die Leute an Phettberg? Da waren zuerst mal viele Einladungen der Wiener Schickeria, die ihn bei Galerieeröffnungen, Weinsoirées, Abend- oder Benefizveranstaltungen dabei haben wollte. Wohl und vor allem auch als Promi-Gast, den man wie im Zoo als seltenes Exemplar herzeigen und vorführen konnte. Es befanden sich aber auch etliche Heiratsanträge, sowohl von Frauen wie Männern, darunter, Liebesbriefe, die übliche Fanpost und Autogrammwünsche und teilweise auch traurige Briefe. Und ja, anonyme Hassmails von Leuten, die sich nicht mehr einkriegen konnten ob seiner Homosexualität, Masochismus und vorgeblichen Blasphemie, gab es schon damals.
Ich selbst war, wie sicherlich heraus zuhören ist, ein absoluter Fan der Sendung, auch wenn ich die Show nie live, sondern nur im Fernsehen gesehen habe. Tatsächlich wohnte er damals im 6. Wiener Bezirk, nicht unweit von meiner Wohnung im 7. Bezirk. Ich begegnete ihm mehrmals auf der Mariahilferstraße auf einer Bank sitzend und Gespräche mit Leuten führend. Hier ist das Video, das ich noch in meiner Box von VHS-Kassetten in der Garage gefunden habe und wie einen Schatz hüte. Ruhe in Frieden, Hermes Phettberg!
Zum Nachschauen
Ein YouTube-Konto namens phettbergkult hat eine ganze Reihe der Sendungen mit Hermes Phettberg online verfügbar gemacht.
Zum Nachlesen
Kurt Palm verfasste 2014, anlässlich des zwanzigsten Jahrestags der Premiere der Show, einen Beitrag im Der Standard.


