Die vergangenen Wochen haben eines gezeigt: das Interesse an künstlicher Intelligenz hat nicht nur nicht abgenommen, es steigert sich sogar noch. Denn abgesehen von neuen Sprachmodellen wie ChatGPT-5 und der Flut an Beispielen, wo KI heute zum Einsatz kommt, gesellt sich nun auch eine Diskussion um die Gehälter von KI-Experten.
Auslöser war die Facebook-Mutter Meta, die, so wie Apple, bei der Entwicklung von wettbewerbsfähigen Sprachmodellen einigermaßen ins Hintertreffen geraten ist. Und nun hat Meta-Chef Mark Zuckerberg die Notbremse gezogen, oder vielmehr die Verschlüsse seiner Goldschatulle weit geöffnet.
Hundert Millionen Dollar an Signup-Bonus bot er einer Handvoll an KI-Experten, die bei der Konkurrenz arbeiteten und die er bei Meta haben wollte. Im Fall Matt Deitke, dem 24-jährigen Gründer eines KI-Startups, erhöhte Zuckerberg sogar das Angebot. Nachdem Deitke ein 125 Millionen Dollar-Angebot abgelehnt hatte, traf sich Zuckerberg höchstpersönlich mit ihm und verdoppelte das Angebot auf 250 Millionen Dollar. Hundert Millionen im ersten Jahr, den Rest in den nächsten vier Jahren. Deitke war so perplex, dass er Freunde und Kollegen fragte, was er tun solle. Letztendlich akzeptierte er das Angebot.
Nun mag das für uns extrem scheinen. Sind schon die Anfangsgehälter von KI-Doktoranden im unteren einstelligen Millionen-Dollar-Bereich unverständlich für viele von uns, so sind es dutzende oder hunderte Millionen an Gehalt noch viel mehr. Unsereins verdient soviel im ganzen Leben nicht.
Doch dann wiederum sind wir solche Summen aus dem Sportbereich nicht nur gewohnt, wir heißen sie auch gut. So hat Lionel Messi schon 2009 beim FC Barcelona einen siebenjährigen Vertrag unterschrieben, der ihm 12,5 Millionen Euro jährlich garantierte, und seinem alten Verein eine Ablösesumme von 250 Millionen Euro einbrachte. 2022 wechselte Cristiano Ronaldo für die Dauer von zweieinhalb Jahre zum saudi-arabischen Klub Al-Nassr, für eine Summe von sage und schreibe 500 Millionen Euro. Wofür? Damit die beiden einen Lederball auf der Wiese herumkicken?
Uns mögen bei Athleten diese Summe zwar immer noch verrückt wirken, aber wir akzeptieren sie für „unsere Fußballhelden“. Da finde ich es nur durchaus recht, wenn auch mal Geistesathleten in solche Einkommensdimensionen vorstoßen. Und es macht für Unternehmen Sinn. Hier ist das Warum:
Für GPT 3.0/3.5 kostete das Training alleine an Stromkosten über 60 Millionen Dollar. Das Training wurde dabei auf einem GPU-Cluster vorgenommen, der aus 25.000 Nvidia H100 zu einem Stückpreis von 10.000 Dollar, also einem Wert von insgesamt 250 Millionen Dollar, bestand. Neue Sprachmodelle werden auf wesentlich mehr GPU-Clustern trainiert, wobei hier die neuesten Nvidia Blackwell GPUs zum Einsatz kommen, die dann schon mal für einen Stückpreis von 30.000 bis 40.000 Dollar den Besitzer wechseln. Ein Cluster kann da somit locker ein oder zwei Milliarden Dollar an Hardwarekosten erfordern. Wird dann ein monatelange Trainingslauf darauf durchgeführt, dann kommen da nochmals hunderte Millionen Dollar zusammen. Ein Fehler, eine Unachtsamkeit, und die Kosten explodieren, oder, was viel schwerer wiegt, man fällt im Wettlauf um den Spitzenplatz bei Sprachmodellen zurück. Eventuell sogar uneinholbar zurück.
Hat man die Top-KI-Talente im Haus, die solche Fehler im Vorfeld vermeiden, oder mit effizienteren Algorithmen aufwarten und damit schneller am Markt auftreten können, dann sind die Kosten für diese Top-Talente recht rasch wieder herinnen. Abgesehen davon gilt es aktuell den entstehenden Markt an KI-Anwendungen mit seinen KI-Sprachmodellen möglichst rasch zu besetzen. Das zukünftige Geschäftspotenzial geht in die dutzende Billionen Euro, ein zögerliches Vorgehen und Sparen am falschen Platz wäre damit ein schwerer wirtschaftlicher Fehler. Und Meta hat – genauso wie Apple – momentan einen schweren Stand gegen Schwergewichte wie OpenAI und Microsoft mit ChatGPT, Google mit Gemini, und Anthropic mit Claude. Auch hier kann es, wie schon bei Smartphone-Betriebssystemen wie iOS und Android, rasch zu einem Moment kommen, wo es für ein drittes, viertes oder fünftes Sprachmodell neben den Platzhirschen keinen Platz mehr gibt. Und damit auch kein Geschäft.
Im Wettbewerb um die besten Talente kommt es zu Kollateralschäden. Erwischt hat es Tesla, dessen KI-Team um den Tesla Dojo – den Supercomputercluster für die Full Self Driving (FSD) – fast vollständig von der Konkurrenz abgeworben worden war.. Musk blieb nichts anderes übrig, als das Tesla Dojo aufzulösen und mit X.ai zu verschmelzen.
Mit anderen Worten: ja, es sind verrückte Summen, die für Top-KI-Talente geboten werden, aber irgendwie machen sie mehr Sinn, als diejenigen Summen, für die Fußballspieler Teams wechseln.
