Die Debatten um Introvertierte und Extrovertierte, deren Oberflächlichkeit oder Tiefe, soziale Fähigkeiten und gesellschaftliche Hilflosigkeit, und wer wohl mehr Wert für die Menschheit bringen würde, sind allgemein bekannt. Beide Typen sind notwendig, genauso wie wir Visionäre und Träumer genauso wie die Bodenständigen und Realisten brauchen.
Doch wann immer ich diese Begriffe hörte, und versuchte, mich dabei zu kategorisieren, stieß ich auf Widersprüche. Betrachtete ich meinen eigenen Tagesablauf und meinen Gemütszustand, dann sah ich mich einerseits lange Strecken völlig zufrieden mit mir selbst, wenn ich an Büchern arbeite, lese oder meinen Gedanken nachhing und dabei sehr zufrieden ohne Menschen in meiner Nähe bin. Das sind klare Züge von Introversion.
Auf der anderen Seite stehe ich auf Bühnen, führe viele Gespräche wo ich zum Leidwesen anderer oft sehr viel rede, bewege mich in Gesellschaft und treffe Leute, und man mich leicht als extrovertierte Person kategorisieren könnte. Doch obwohl ich dabei sehr energiereich und lebhaft bin und es auch genieße, nachher bin ich durchaus erschöpft. Ich brauche meine Ruhe.
ich sah mich deshalb immer als ein Mittelding, also sowohl als auch, doch das klang immer merkwürdig, und ich musste es erklären, was ich das beschreibe. Und scheinbar bin ich nicht der einzige, der so fühlte und zwischen den Welten stand, denn ich stieß auf einen kürzlich geprägten Begriff, der genau das fehlende Bindeglied zwischen Introversion und Extroversion beschreibt: Otroversion.
Laut Wikipedia prägte der US-amerikanische Psychiater Rami Kaminski diesen Begriff als einen weiteren Persönlichkeitstypus Menschen, die sich als nicht zugehörig und „anders“ erleben. Er benannte diese als Otrovertierte von spanisch „otro“ (deutsch: anders).
In seinem Buch Wie schön es ist, nicht dazugehören zu müssen beschreibt er diesen Typ. Es gibt eine Art Grauzone von Menschentypen zwischen den beiden Lagern, die Einsamkeit genießen und die Geselligkeit schätzen. Kaminsiki prägte den Begriff „Otrovert“, nachdem er diesen Persönlichkeitstyp sowohl bei sich selbst als auch bei einigen seiner Patienten sowie bei historischen Persönlichkeiten wie Frida Kahlo, Franz Kafka, Albert Einstein und Virginia Woolf erkannt hatte, die seiner Meinung nach „bekannt dafür waren, keiner Gruppe anzugehören“.
Obwohl Introvertierte mit großen Gruppen interagieren können, haben sie nicht unbedingt das Gefühl, ihre Gruppe gefunden zu haben. Otrovertierte Menschen sind sehr freundlich und in der Lage, sehr tiefe Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen. Der einzige soziale Unterschied besteht darin, dass ihnen die Verbindung zu Gruppen fehlt: kollektive Identität oder gemeinsame Traditionen. Laut Kaminski ziehen es solche Menschen vor, gegen den Strom zu schwimmen, und neigen nicht dazu, so zu denken wie die große Mehrheit der Gesellschaft.
Ein Otrovertierter würde es vorziehen, sich mit einer Person in einer ruhigen Ecke zu unterhalten, anstatt als geselliger Mensch von Gast zu Gast zu schwirren. Weil Otrovertierte sich nicht wirklich darum kümmern, wen sie beeindrucken oder Angst vor Ablehnung haben, da sie nichts zu verlieren haben, kann es dazu führen, dass Sie zu einem Freidenker werden, der unabhängiger und fantasievoller ist als ein introvertierter oder extrovertierter Mensch. Diese Menschen blühen oft kreativ auf.
Und irgendwie ist es genau so. Ich gehöre nicht gerne einer Gruppe an, weder als Verein, Verband oder beim Reisen. ich brauche Ruhe und Gesellschaft in einer guten Balance. Ich gehe zwar gerne auf Partys und Veranstaltungen, doch sie sind ein Horror für mich, wenn ich dort niemanden kenne. Echte, tiefe Freunde habe ich wenig, aber viele Bekanntschaften.
Wie auch immer, jetzt gibt es zumindest mal einen Begriff, mit dem ich besser klar komme, als die beiden bislang so verbreiteten. Was bist Du für ein Typ?

