Google-Mitarbeiter gründen Gewerkschaft

Deutschland ist – global betrachtet – ein absolutes Arbeiterparadies. Nicht jenes, dass sich Marx und Engels vorgestellt hatten und die DDR verwirklichen wollte und kläglich scheiterte, sondern eines, wo Gewerkschaften eine gehörige Mitsprache bei Unternehmensbelangen haben. Das führt einerseits zu den durchaus beabsichtigten positiven Ergebnissen, die großzügige Urlaubszeit- und Feiertagsregelungen und geregelte Arbeitszeiten sowie tariflich vereinbarten Löhnen führt. Andererseits kann es zu einer Stagnation der Unternehmen führen, wenn diesen durch Gewerkschaften und Betriebsräten in ihren Reaktionen auf einen Wandel in der Industrie und Wirtschaft die Hände gebunden werden.

Die USA haben in den produzierenden Industrien eine große Tradition von Gewerkschaften, die große Mitsprache in den Unternehmen hatten. In einigen führte das zu richtigen Exzessen, darunter die Automobil- und die Hafenarbeitergewerkschaften, die tatsächlich kriminelle Züge annahmen. Gewerkschaften in den USA (und auch in Deutschland) erleben aber in den letzten Jahrzehnten einen Rückgang bei der Mitgliederanzahl. Traditionell gewerkschaftlich stark organisierte Industrien wie der Bergbau verschwanden, und der Wandel der Wirtschaft von einer durch produzierende Industrien zu einer von Dienstleistungen und kreativen Berufen dominierten Ökonomie verringern die Bedeutung von Gewerkschaften. Schuld ist sicherlich auch das Scheitern der Gewerkschaften selbst, neue und gewandelte alte Berufszweige zu verstehen und entsprechende Angebote an die Arbeitnehmer und Mitglieder zu machen.

In den USA ist dieser Wandel besonders stark zu sehen. Viele produzierende Berufe wurden ins Ausland ausgelagert. China, Mexiko oder Indien sind die heutigen Produktionsstätten, während Arbeiter ohne Hochschulabschluss immer öfter auf der Straße landen, in geringer bezahlten Berufenen wieder finden oder sich gar aus der Arbeitswelt zurückziehen. Die Schere zwischen einer gute bezahlten Elite an hochausgebildeten Arbeitnehmern und dem Rest der Bevölkerung, die oft nur mit Minimumlöhnen ihre Auskommen finden muss, wird immer größer. Speziell im Silicon Valley ist diese Kluft zu sehen, wo Jahresgehälter von 150.000 oder 250.000 Dollar für Mitarbeiter von Google, Apple und Co. fast schon als Unterbezahlung betrachtet werden.

Hinzu kommen die großzügigen Nebenleistungen, die Mitarbeiter dieser Unternehmen erhalten, Von Gratiskost vom Frühstück bis zum Mitternachtslunch, ausgezeichnete Gesundheitsvorsorge, Wohnzuschüsse, Bon, Kindergartenplätze und so weiter zählt da alles dazu. Gewerkschaften gibt es bei diesen Unternehmen nicht, Die Tech-Elite braucht das nicht, möchte man meinen.

Um so erstaunlicher mag es erscheinen, dass heute mehr als 200 Google-Mitarbeiter nach geheimer einjähriger Vorbereitung bekanntgaben, sich gewerkschaftlich organisiert zu haben. Die Alphabet Workers Union für die Holding Firma zu der Google oder Waymo gehören wurde offiziell gegründet. Auch wenn sie aktuell nur knapp mehr als 225 Mitglieder aus der 260.000 Personen starken Belegschaft an Vollbeschäftigten und an Leiharbeitern haben, ist es doch ein Novum für das Silicon Valley.

Anlass waren mehrere Aufreger in den letzten Jahren. Einer waren die Vorwürfe von sexueller Belästigung, die in vielen Silicon-Valley-Firmen zum Vorschein kamen. Google selbst erlebte 2018 einen sogenannten Walkout, bei dem 20.000 Mitarbeiter weltweit ihre Arbeit niederlegten und auf die Straße gingen, um gegen die Vertuschung von sexueller Belästigung und Revanche-Entlassung von Mitarbeitern, die diese anzeigten, zu demonstrieren. Weiters regte sich bei den Mitarbeitern Widerstand gegen Projekte mit dem Militär oder der Einwanderungsbehörde unter der Trump-Präsidentschaft, bei der sich das Google-Management gezwungen sah, diese Projekte einzustellen. Und in den letzten Wochen kam es zu der fragwürdigen Entlassung der renommierten Google KI-Forscherin Timnit Gebru, die innerhalb und außerhalb des Unternehmens zu Protesten führte.

Die Reaktion des Google-Management auf die Gewerkschaftsgründung ist verhalten. Man wolle sich nicht nehmen lassen mit den Mitarbeitern direkt zu verhandeln. Die bisherigen Reaktionen des Managements der Alphabetgruppe scheint misslungen zu sein, nicht zuletzt, weil einige der Organisatoren vergangener Proteste und Aktivitäten entlassen worden sind.

Google, das bei seinem Börsengang das Motto „Don’t be evil“ (‚Sei nicht böse“) in die offiziellen Dokumente angegeben hatte, wird von den eigenen Mitarbeitern immer stärker zur Rechenschaft gezogen. In den letzten Jahren waren zu viele Dinge passiert, die das Motto als hohl erscheinen ließen. Die Gewerkschaftsgründung, die als neue Teilgesellschaft unter der Communications Workers of America organisiert ist, ist insofern auch interessant, als sie Unzulänglichkeiten der bisherigen Gewerkschaften anzupacken versucht. So vertritt sie beispielsweise auch die Leiharbeiter, die immerhin die Hälfte aller Mitarbeiter ausmacht. Leiharbeiter sind typischerweise die ersten, die entlassen werden und die keine oder nur weniger der üblichen Nebenleistungen erhalten. Sie stellen eine Art Prekariat unter den Silicon-Valley-Beschäftigten dar.

Für die Mitarbeiter anderer Tech-Firmen im Silicon Valley und die Gewerkschaften in Deutschland, Österreich und der Schweiz gibt es einiges abzuschauen. Auch dort haben nämlich diese die neuen Tech-Firmen, den Dienstleistungssektor oder die Situation der Gig-Worker nicht verstanden und werden immer mehr zu Hütern von Pfründen für ihre Mitglieder in alten traditionellen Berufsfeldern. Mein Beispiel hier ist immer, dass die Lufthansa-Mitarbeiter, Lokführer- oder Pilotengewerkschaft mehr streikt als die Mitarbeiter von Supermärkten, die wesentlich schlechtere Arbeitsbedingungen haben. Und solch ein Gewerkschaftsverhalten – und ich sage das als jemand, der aus einem gewerkschaftsnahen Umfeld kommt – stößt die junge Generation ab, die in eine andere Welt geboren wurden, als die heutigen Gewerkschaftsvertreter. Und neben der Forderung, dass Alphabet ethisch im besten Interesse der Gesellschaft und der Umwelt handeln soll, klingen die Werte der Alphabet Workers Union teils ganz anders, als was so bisher von Gewerkschaften kam:

  1. Alle Alphabet-Mitarbeiter verdienen eine Stimme: Vollzeitbeschäftigte, Zeitarbeitskräfte, Auftragnehmer und Zulieferer. Wir kümmern uns umeinander und unterstützen uns gegenseitig, indem wir einen offenen und kontinuierlichen Dialog unter den Gewerkschaftsmitgliedern anstreben.
  2. Soziale und wirtschaftliche Gerechtigkeit sind von größter Bedeutung, um gerechte Ergebnisse zu erzielen. Wir werden den Bedürfnissen der am schlechtesten Gestellten Vorrang einräumen. Neutralität hilft niemals dem Opfer.
  3. Jeder verdient ein einladendes Umfeld, frei von Belästigung, Bigotterie, Diskriminierung und Vergeltung, unabhängig von Alter, Kaste, Klasse, Herkunftsland, Behinderung, Geschlecht, Rasse, Religion oder sexueller Orientierung.
  4. Alle Aspekte unserer Arbeit sollten transparent sein, einschließlich der Freiheit, die Arbeit an Projekten abzulehnen, die nicht mit unseren Werten übereinstimmen. Wir müssen wissen, welche Auswirkungen unsere Arbeit hat, sei es auf die Mitarbeiter von Alphabet, unsere Gemeinden oder die Welt.
  5. Unsere Entscheidungen werden demokratisch getroffen, nicht nur durch die Wahl unserer Führungskräfte, die die Agenda bestimmen, sondern indem wir aktiv und kontinuierlich darauf hören, was die Mitarbeiter für wichtig halten.
  6. Wir setzen Prioritäten für die Gesellschaft und die Umwelt, anstatt Gewinne um jeden Preis zu maximieren. Wir können Geld machen, ohne Böses zu tun.
  7. Wir stehen in Solidarität mit Arbeitern und Anwälten überall, die dafür kämpfen, ihre Arbeitsplätze gerechter zu gestalten und fordern, dass die Tech-Industrie sich weigert, Infrastrukturen der Unterdrückung aufrechtzuerhalten.

Für Google und andere Silicon-Valley-Tech-Firmen wird es recht spannend werden, wie sie einer Gewerkschaftsrenaissance verholfen haben. Und im typischen Silicon-Valley-Stil erwarte ich, dass sie auch hier Gewerkschaften neu erfinden und umkrempeln und ins 21. Jahrhundert bringen.

Wer selbst herausfinden will, wie sich die Gewerkschaftsgründung bei Alphabet und im Silicon Valley weiter entwickeln könnte, dem empfehle ich meinen neuen Online-Kurs. Basierend auf meinem Buch – Foresight Mindset – zeigen mein KI-Roboter AlphaSophia und ich wie man mit dem Future Mindset die Zukunft mit Methoden wie Backcasting, 2×2-Matrix oder STÖÖP ein bisschen vorhersagen kann. Schau Dir doch mal die Vorschauvideos an.

Future Mindset: Wie man die Zukunft vorhersagt und designt

Dieser Beitrag ist auch auf Englisch erschienen.

Kommentar verfassen