Eine Analyse der Denke von Querdenkern, Verschwörungstheoretikern und Rechten

Die Notwendigkeit, während einer Pandemie Masken tragen zu müssen, hat altes Gedankengut wieder unmaskiert. Plötzlich werden wieder Begriffe aus der Nazizeit gesellschaftsfähig, die schon längst widerlegt und auf den Abfallhaufen der Geschichte zu ruhen schienen. Von „Durchseuchung“ wird hier gesprochen, vom „gesunden Volkskörper“, von Sozialdarwinismus und von einem zu weit gegangenen sozialen Denken, wenn es darum geht, Kranke, Schwache und Alte vor dem Virus zu schützen. Plötzlich werden diese zum einfach vernachlässigbaren Kollateralschaden, durch den „man sich nicht einschränken“ lassen möchte.

Interessanterweise fordern aber genau diese Leute – Querdenker, Nazis, Verschwörungstheoretiker, Impfgegner, Maskenverweigerer, Esoteriker, Energetiker wie auch immer sie sich nennen oder genannt werden – Rücksicht von anderen (auf ihre Freiheiten), Zugang zur besten medizinischen Behandlung (wenn der Virus sie doch erwischen sollte – und er erwischt sie gnadenlos), und nehmen für sich in Anspruch, besonders sensibel und mit der Welt verbunden zu sein. Aber nur solange es sie selber betrifft. Sensibilität gegenüber anderen Menschen? Die sind nicht einmal ein Nachgedanke.

Noch vor der Pandemie, im Oktober 2019, hat Twitter-Benutzer @lawen4cer in einer Reihe von Tweets eine interessante Zusammenfassung über die Art der Diskussion mit AfD-Anhängern gemacht, die Diskussionen mit Trollen jeder Art entsprechen. Und die Art, wie wir die Diskussionen seit Beginn der Pandemie sehen, entspricht diesem Bild und Weltbild.

@lawen4cer folgte den Diskussionen in einschlägigen Foren und diskutierte mal eine Weile mit ein paar „besorgten Bürgern“ und Mitgliedern der AfD und machte dabei folgende Erfahrungen (ich zitiere seine Tweets und fasse sie hier zusammen):

  1. Diese Leute finden es normal einen Diskussionspartner bei jeder Antwort erst einmal zu beleidigen und zu unterstellen, er habe vom Thema keine Ahnung und sei ohnehin ein Idiot. Das Konzept unterschiedlicher Meinungen als Basis einer Diskussion ist völlig unbekannt.
  2. Es fehlt oft an jeglicher Sachkenntnis, wie zum Beispiel Wirtschaft, Staaten oder Energieversorgung funktionieren, oder politische Entscheidungen gefällt werden. Stattdessen regiert naivster Kinderglaube.
  3. Obwohl sie in einem reichen Land mit geringer Kriminalität leben, wähnen sie sich in einem Krisengebiet kurz vor dem Bürgerkrieg mit ständig steigenden Opferzahlen von Ausländerkriminalität und einer Wirtschaft, die wegen dem Klimaschutz jeden Moment zusammenbricht.
  4. Gleichzeitig sind Klimaschützer aus ihrer Sicht „hysterisch“.
  5. Komplexeren Argumentationen können sie nicht folgen, Vergleiche verstehen sie nicht. Geschichtswissen ist praktisch nicht vorhanden.
  6. Die gesamte Sichtweise der Welt ist von der Suche nach persönlichem Vorteil geprägt, deswegen wird jedem Gegenüber automatisch unterstellt und vorgeworfen er handle nach demselben Prinzip.
  7. Gegenüber anderen (Schwächeren) begrüßen sie ein gesellschaftliches System, das nach dem Recht des Stärkeren funktioniert, beklagen aber gleichzeitig selber im System zu kurz gekommen zu sein und von bösen Mächten um ihr verdientes Gut gebracht zu werden.
  8. Gelangt man in einer Diskussion an einen Punkt, den sie nicht widerlegen können, verlassen sie unter Beleidigungen und der Behauptung, man mag sie halt offenbar aus Dummheit und Böswilligkeit nicht verstehen, den Platz.
  9. Ohnehin sind vertiefte Diskussionen selten möglich, weil diese Leute eigentlich nur ihre Buzzwords abspulen wollen und dann nicht mehr weiterwissen.
  10. Beim Thema Steuern ist man einerseits offenbar sehr stolz darauf welche zu zahlen, weswegen das gerne in der Bio steht, neben der Information man sei deutsch. Gleichzeitig werden Steuern als Raub selbstsüchtiger Politiker verstanden.
  11. Dieselbe Widersprüchlichkeit beim Thema Wirtschaft. Einerseits will man lieber im Klimawandel ersaufen als „die deutsche Wirtschaft schädigen“ gleichzeitig vermutet man, dass alle Politiker und Aktivisten ohnehin nur gekaufte Marionetten einflussreicher Lobbyisten seien.
  12. Zum Thema Buzzwords: Diese Leute erwarten oft zwingend einen bestimmten Gesprächsverlauf. Kommt es zu Abweichungen, sind sie irritiert und wollen sie ihn selber erzwingen („Sie werfen mir jetzt bestimmt gleich wieder vor, dass ich ein Nazi bin!!!“).
  13. Für politische Gegner wird ohne nähere Begründung ein negativer Narrativ geschaffen (Klimaschützer sind Hysteriker, Grüne und Linke sind „versifft“) und dann konsequent verwendet.
  14. Es sind oft grobschlächtige Menschen mit einem Hang zur Grausamkeit gegen andere und Wehleidigkeit für sich selber. Sie finden die Idee eines wölfischen Systems theoretisch super, ahnen aber irgendwie auch, dass sie in so einem System selber nicht die Stärksten und Cleversten sind.
  15. Das Dilemma lösen sie auf zwei Arten. Sie fordern Härte gegen noch Schwächere und Sonderrechte für sich selber.
  16. Die Komplexität der Welt überfordert diese Leute. Sie denken in monokausalen Zusammenhängen mit kurzem Planungshorizont.
  17. Sie sind unfähig die Sichtweisen und Ziele anderer Menschen nachzuvollziehen. Das führt dazu, dass sie ihre „Gegner“ nur als Abziehbilder wahrnehmen können: die heilige Greta, Klimahysteriker als Sekte, Messermänner, die uns alle umbringen und „unsere Frauen“ vergewaltigen wollen.
  18. Klimaschutz wird durchwegs abgelehnt, aber mit verschiedenen Positionen:
  19. Klimawandel ist normal
  20. Klimawandel gibt es nicht
  21. Andere („China“) sollen was dagegen machen
  22. Klimawandel ist nicht ausreichend erforscht, daher abwarten
  23. Wirtschaft geht Klimaschutz vor
  24. Interessant auch, dass die Erzeugung von erneuerbaren Energien für diese Leute offenbar nicht zur wichtigen Wirtschaft zählt, obwohl alle großen Energieversorger dort inzwischen aktiv sind und dort Geld verdient und Arbeitsplätze geschaffen werden.
  25. Es fehlt oft auch am Wissen was eigentlich Ironie genau bedeutet. Deswegen wird fremde Ironie nicht erkannt und die vermeintliche eigene Ironie extra groß angekündigt („Achtung Ironie“). Die Bezeichnung Ironie wird dabei oft nur als Freizeichnung für Beleidigungen genutzt. Das Gleiche gilt für Satire.
  26. Faktenbasierte Diskussionen – wenn man soweit überhaupt kommt – scheitern dann oft daran, dass man schon keine gemeinsame Ausgangsbasis findet. Jede Faktendiskussion lebt ja vom gemeinsamen Vertrauen in Quellen, aus denen man dann seine Schlussfolgerungen zieht.
  27. Obwohl man „Linke“ ablehnt, werden sie ständig ungefragt als Begründung herangezogen, warum man bestimmtes Verhalten angeblich hinnehmen müsse („Die Linken sind aber GENAU SO schlimm/ NOCH schlimmer“) oder als Selbstrechtfertigung: („Ich bin das Ergebnis linker Debattenkultur!“)

Geht man diese Liste durch, ist erschreckend, wie nahe diese Analyse an der Denke all dieser unter „Querdenker“ subsummierten Gruppen steht. Besonders auch die Tatsache, dass sie selbst auf der einen Seite die Schwachen und Alten als entfernbar sehen, selbst aber doch erkennen, dass sie in solch einem System keine Chance hätten, und deshalb Sonderrechte für sich einfordern, zeigt die Inkonsistenz ihrer Denke. Würden diese Forderungen nämlich wirklich wie von ihnen gefordert angewandt, hätten sie gar keine Chance.

Ein abschließender Tweet zeigt, wie das verquere Denken dieser Leute (dis)funktioniert:

Ich habe insoweit nie verstanden, warum Leute die Angst vor „Massenmigration“ aus Afrika haben gleichzeitig Klimaschutz ablehnen. Eigentlich müssten das die größten Klimaschützer werden.


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