Bist du bereit zu „gehen“?

Was uns die vergangenen zwei Jahre gelehrt haben ist, dass Krankheit und Sterben wieder sichtbar geworden sind. Die Pandemie hat Millionen dahin gerafft und viele, die an COVID erkrankten, waren schlagartig mit der eigenen Sterblichkeit konfrontiert. Zum Glück ist in meiner unmittelbaren Familie und Bekanntschaft niemand daran gestorben, aber das ist die Ausnahme für viele, wo in manchen Fällen gleich mehrere Personen im Freundes- und Verwandtenkreis durch COVID von uns gegangen sind.

Mir stellt sich die Frage, wie ich damit umgehen würde, wenn ich erfahren würde, dass meine Zeit gekommen ist. Wäre ich bereit zu gehen?

Was ich damit meine, ist ob ich all das gemacht habe, was ich mit vorgenommen habe? Kann ich mit Ruhe sagen, ich wäre mit Leuten in meinem Umfeld im Guten geschieden? Habe ich etwas geschaffen, auf das ich mit Stolz zurückblicken kann?

Als ich noch Teenager war, wurde bei einem Freund eine seltene Form des Knochenkrebs festgestellt. Die Ärzte gaben ihm ein halbes Jahr, doch er kämpfte. Er stand am Anfang seines Studiums, ging in alle beschwerlichen Behandlungen und nach einigen Jahren glaubte er, den Krebs besiegt zu haben. Doch die Freude war trügerisch. Er kam schlimmer zurück und neun Jahre nach der Krebsdiagnose starb er mit 26 Jahren.

Seit damals ist meine Lebenseinstellung auf diese Erfahrung gegründet. Er hatte ein Problem, das er nicht lösen konnte und das ihm viele Möglichkeiten nahm und vorenthielt. Jedes Problem das ich habe, egal ob es privater oder beruflicher Natur ist, und egal wie schwer es ist, ist lösbar. Ich habe ihm Gegensatz zu ihm das Privileg, Dinge zu tun, die er nie machen konnte. Auch wenn es manchmal noch so schwer geht, ich habe das Privileg überhaupt vor diesen Problemen stehen zu dürfen. Doch reicht das?

Vor wenigen Jahren wurde ein gerade Zwanzigjähriger aus meinem Bekanntenkreis vorzeitig aus dem Leben gerissen. Bei der Totenwache schilderten die aus allen Himmelsrichtungen angereisten Verwandten und Freunde persönliche Begebenheiten ihm. Und ich war sicherlich nicht der Einzige, der da saß und sich dachte, was die Leute wohl einst über mich sagen würden, wenn meine Zeit gekommen war. Denn über den Verstorbenen sprachen die Trauergäste so viel Gutes, dass ich mir dachte, ich bin bereits so ein alter Trottel und habe nur einen Bruchteil des Guten getan, das er in seinem zu kurzen Leben vollbracht hat.

Bin ich bereit zu gehen? Klar hat jeder Pläne, die wir auch gerne immer wieder verschieben. Und wir sind immer voll in Vorbereitung für den nächsten Urlaub, das nächste Projekt, das Haus, das wir bauen wollen, den Job den wir wechseln wollen, das Hobby, das wir aufnehmen wollten, die lange nicht getroffenen Freunde, die wir zum Essen einladen wollten, und dann versumpern wir erst wieder vor dem Fernseher oder auf Social Media.

Klar, ich habe einen gewissen Fußabdruck hinterlassen. Ich habe Bücher geschrieben, Studium abgeschlossen, habe mal Kabarett gemacht, ein Satiremagazin herausgegeben, Musik für Tänzer gespielt, bin in viele Länder gereist, und habe hoffentlich bei der einen oder dem anderen einen positiven Eindruck hinterlassen. Doch war das alles, was ich wollte oder noch will? Ich strotze vor Plänen, was ich noch an Büchern schreiben möchte, und was ich noch an neuen Dingen lernen will. Auch wen ich gerne noch treffen oder eine lange verblasste Freundschaft wieder aufleben lassen möchte und vielleicht eine Entschuldigung oder ein paar Worte, die mir auf dem Herzen liegen, anbringen möchte. Doch was ist mir nun wichtiger, was habe ich bislang aufgeschoben?

Die Pandemie zeigt für viele auf, wie rasch die eigenen Pläne und Vorstellungen durcheinander kommen können und lassen uns neue Prioritäten setzen. Und wenn es soweit wäre, könnte ich, könntest du dann mit ruhigem Gewissen sagen „Ich bin bereit zu gehen?

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