Spotify-Kontroverse: Hat sich Joe Rogan wirklich entschuldigt? Nein, hat er nicht!

Neil Young, Joni Mitchell, Nils Lofgren, und eine Reihe anderer Musiker haben ihre Songs von der Streamingplattform Spotify entfernt, und wenn man Twitter glauben will, auch jede Menge Benutzer ihre Konten bei Spotify geschlossen. Die Kontroverse dreht sich dabei um den Podcaster Joe Rogan, der erst vor ein paar Jahren für die Summe von 100 Millionen Dollar von Spotify exklusiv auf die Plattform gebracht worden war. Rogan, bekannt für seine langen Podcasts mit unterschiedlichsten Gästen aus allen Bereichen, hat sich in den letzten Monaten dabei immer mehr als Impfskeptiker hervorgetan, der selbst ausgewiesenen medizinischen Experten und Virologen keinen Glauben schenken wollte und stattdessen zweifelhafte Experten der Gegenseite einlud. Doch nun war die Kritik zu groß geworden, Spotify verlor verlor Milliarden Dollar oder mehr als 10 Prozent seines Wertes, und selbst Anthony Fauci, der amerikanische Top-Virologe, hatte schon im vergangenen April Joe Rogan wegen falscher Informationen kritisiert. Auf Instagram veröffentlicht Rogan nun eine Antwort, in der auch „Entschuldigungen“ vorkamen.

Doch sind diese echte Entschuldigungen? Als Autor des Buches „Sorry Not Sorry: Die Kunst wie man sich nicht entschuldigt“ ein gefundener Leckerbissen, und wie erwartet, die Entschuldigung ist keine. Aber hier der Reihe nach:

Zuerst mal nämlich entschuldigt er sich, nein, nicht bei den Hörern, die er falsch informiert, sondern bei Spotify, und dass das Unternehmen zur Zielscheibe der Kritik geworden ist:

Ich möchte mich bei Spotify dafür bedanken, dass sie uns in dieser Zeit so unterstützt haben, und es tut mir sehr leid, dass ihnen das passiert ist und dass sie so viel Kritik dafür einstecken müssen

Joe Rogan

Diese 13. Kunstgriff: Es ist passiert, aber ich bin das eigentliche Opfer kennen wir vom Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki, der sich nicht etwa bei den Missbrauchsopfern in seinem Bistum entschuldigte, sondern bei den versammelten Gläubigen in der Mitternachtsmette, dass sie die Attacken auf ihn miterleben mussten. Hier der Woelki-Wortlaut:

„Was die von sexueller Gewalt Betroffenen und Sie in den letzten Tagen und Wochen vor Weihnachten im Zusammenhang mit dem Umgang des Gutachtens zur Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt in unserem Erzbistum, was Sie an der Kritik darüber und insbesondere auch an der Kritik an meiner Person ertragen mussten – für all‘ das bitte ich Sie um Verzeihung.“

Kardinal Rainer Maria Woelki

Zurück zu Joe Rogan. Zu Neil Young und Joni Mitchell sagte er:

Es tut mir sehr leid, dass sie das so empfinden. Ich will das ganz sicher nicht. Ich bin ein Neil Young-Fan. Ich war schon immer ein Neil-Young-Fan.

Joe Rogan

Mit anderen Worten: wenn sie das so empfinden, dann ist das eigentlich ihr Problem, nicht meines. Wenn sie nicht so empfinden würden, dann gäbe es eigentlich gar kein Problem und somit nichts zu entschuldigen. Nicht ich, die anderen sind hier zu sensibel. Er wiederholte den Satz auch in etwas anderer Form:

Wenn ich dich verärgert habe, tut es mir leid.

Joe Rogan

Wenn niemand verärgert ist, dann gibt’s auch nichts, was einem leid tut, nicht wahr? Und das ist der 17. Kunstgriff: Die Leute sind einfach zu sensibel.

Dabei kommt noch ein weiteres Element hinzu:

Ich bin ein Neil Young-Fan. Ich war schon immer ein Neil-Young-Fan.

Joe Rogan

Das ist das Äquivalent zu „Ich habe auch schwarze/türkische/jüdische Freunde“. ich kann ja gar nicht ausländerfeindlich sein, weil ich doch selbst Ausländer als Freunde habe. Das wird im 14. Kunstgriff: Kann gar nicht sein, weil ich auch so (nicht) bin zusammengefasst.

Auch schwächt er massiv seine Absichten ab. Es sei ja nur ein harmloser Podcast mit Freunden und Bekannten.

Ich habe nie versucht, mit diesem Podcast etwas anderes zu machen, als einfach mit Leuten zu reden und interessante Gespräche zu führen. [..] Am Anfang habe ich nur mit meinen Freunden herumgealbert.

Joe Rogan

Das fasste ich unter dem 8. Kunstgriff: Es ist passiert, aber es war ein Missverständnis.

Wie ehrlich er es meinte mit seiner Entschuldigung, sieht man daran, dass er nochmals die Auswahl seiner Gäste und deren Meinungen rechtfertigt, obwohl die dazu geführt haben, dass sein Podcast der „Verbreitung gefährlicher Fehlinformationen“ beschuldigt wird. Bei seinen Gästen handele es sich um

…sehr hoch qualifizierte, sehr intelligente, sehr erfolgreiche Menschen.

Joe Rogan

Und er legt noch nach:

Das Problem, das ich mit dem Begriff Fehlinformation habe, ist, dass viele Dinge, die wir noch vor kurzem für Fehlinformationen hielten, heute als Tatsache akzeptiert werden.

Joe Rogan

Kein Zeichen von Einsicht, kein Anzeichen davon, dass er daraus lernen wird und es besser machen will.

Wie man sich richtig entschuldigt hat der amerikanische Verhaltensforscher David P. Boyd in sieben aufeinanderfolgenden Schritte festgehalten, die er als die Kunst einer öffentlichen Entschuldigung bezeichnet:

  1. Offenbarung
  2. Erkennung
  3. Reaktionsfähigkeit
  4. Verantwortung
  5. Gewissensbisse
  6. Rückerstattung
  7. Reform

In den ersten beiden Schritten wird man gewahr, dass Mist passiert ist und dass eine Entschuldigung fällig wird. Im dritten Schritt soll dann möglichst rasch und unverzüglich die Entschuldigung folgen, in der Verantwortung für das eigene Handel (oder Unterlassen) übernommen wird, man sich zerknirscht zeigt, Wiedergutmachung verspricht und Handlungen setzen, um in Zukunft solche Missgeschicke zu vermeiden.

Weil das in Joe Rogans „Entschuldigung“ nicht vorkommt, handelt es sich um eine sogenannte Nicht-Entschuldigung. Und die ist wertlos und löst die Kontroverse nicht auf.

Wer mehr über die Kunst der Entschuldigung lernen will, hier ist mein Buch mit vielen praktischen und humorvollen Beispielen:

Sorry Not Sorry

40 Kunstgriffe für Minister, Manager und sonstige Mistkerle, die Scheiße gebaut haben und nun die Aufregung nicht verstehen.

Dieses Buch kann bereits beim Verlag oder Amazon vorbestellt werden.

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