CoupCast: Eine KI sagt Revolutionen voraus

Viele Jahre und mehrere Umzüge hinweg habe ich mir eine kleine Sammlung an Ausgaben des Newsweek-Magazins erhalten, die im Jahr 1989 erschienen sind. Das war nicht nur das Jahr, wo ich vom Gymnasium auf die Uni wechselte, sondern auch eines, wo sich die Welt in unmittelbarer Nähe geändert hatte. Die Bevölkerung der kommunistischen Nachbarstaaten Österreichs entledigte sich großteils unblutig ihrer Machthaber, die Sowjetunion zerfiel, und in China wurde am Platz des himmlischen Friedens eine Studentendemonstration blutig niedergeschlagen.

Ich konnte kaum die Bedeutung ahnen, die diese Revolutionen für mich persönlich und die Welt haben würde, und doch behielt ich diese Magazine, da eine unveränderlich geglaubte Weltordnung sich plötzlich neu ordnete und viele Neuerungen kamen. Sie führten dazu, dass ich mit vielen Menschen aus diesen Ländern in Kontakt kam, sie zu Kollegen und Freunden wurden, und ich etliche dieser Länder seither bereist habe.

Diese Änderungen hatten viele Experten und die Welt unerwartet getroffen. Damals begann das Fernsehprogramm erst um 9 Uhr, oft mit einer Pause nach Mittag, und endete in der Nacht. Aber in diesem Jahr jagte eine Sondersendungen die andere. Frü am morgen drehten wir bereits den Fernseher auf, um die nächsten atemberaubenden Entwicklungen zu sehen. Welches Land war jetzt dran? Welcher Diktatur war jetzt entmachtet worden? Wer übernahm die Macht?

Meine Sammlung an Newsweek-Ausgaben von 1989

Es wurde durch die Aussagen der politischen Analysten in den Medien und den Handlungen der Politiker in allen Ländern aber klar, dass keiner das vorhergesehen hatte und damit auch keinen plan, was zu tun wäre. Es hatten sich viele mit der Situation einer Zweiteilung der Welt in zwei Machtblöcke arrangiert, sie war berechenbar gewesen, man wusste mit wem man es zu tun hatte. Doch das hatte sich schlagartig geändert. Wie sollte vorgegangen werden, greift das Militär ein, was passiert mit den Nuklearsprengköpfen, was fordern neue Machthaber, wie kann man bei einem Übergang zu demokratischen Regimen helfen, wer bezahlt das alles und und und. Fragen über Fragen und keiner hatte Antworten, spontane Handlungen mussten getätigt werden, und was heute morgens galt war nachmittags schon wieder alter Hut.

33 Jahre später verspricht nun eine künstliche Intelligenz der Universität von Central Florida, dass sie solche Revolutionen und Regimewechsel präziser vorhersagen kann. CoupCast, so der Name der KI, wurde 2016 vom Nonprofit One Earth Future begonnen, und der Aufstand vom 6. Jänner 2021 am US Capitol zeigte nun die Bedeutung des Systems. Revolutionen waren in den USA angekommen, und die Forscher fragten sich, wie sie frühzeitig Anzeichen von bevorstehenden Coups erkennen und die Wahrscheinlichkeit abschätzen können.

Die Forscher, die sich schon länger damit auseinandersetzten, sammelten Daten zu möglichen Treibern von Revolutionen auf der ganzen Welt seit 1920 und versuchten anhand von Parametern diese in Zahlen zu gießen. Herangezogen wurden dabei unter andere die demokratische Geschichte eines Landes, demokratische „Rückschritte“, wirtschaftliche Schwankungen, „soziales Vertrauen“, Verkehrsunterbrechungen, Wetterschwankungen, das Profil der Machthaber wie deren Alter und militärischer Hintegrund, Kindersterblichkeit, Bruttonationalprodukt, die Zeit zwischen Wahlterminen, Langlebigkeit von Regimen und andere Faktoren.

Da KI wurde dann mit Regressionsmodellen auf autoregressive Weise trainiert. Zunächst wurde ein Modell auf der Grundlage von Daten zwischen 1950 und 1974 trainiert, um ein Coup-Risiko für das Jahr 1975 vorherzusagen. Die Vorhersagen für 1975 wurden dem Datensatz hinzugefügt und das Modell erneut trainiert, um die Risiken für 1976 vorherzusagen, und so weiter bis zur Gegenwart. Das Ergebnis: für 2021 wurden die Aufstände und Coups im Chad und in Mali vorhergesagt.

Bis zum 6. Jänner 2021 waren in diesem KI-Modell die USA allerdings kaum berücksichtigt worden, mit den Erkenntnissen aus den Ereignissen wurde das Modell aber angepasst und erweitert. So will ein anderes Nonprofit, PeaceTech Lab, ab 2022 mit Ground Truth auch die Wahrscheinlichkeit von Gewalt und Aufruhr um Wahlen vorhersagen.

Die Forscher ziehen dabei unter anderem die Wortwahl in Posts auf sozialen Medien, aber auch die Anzahl von Hunden auf den Straßen vor einer Wahl in Betracht. Mehr Hunde auf den Straßen könnten Anzeichen für zu erwartende Gewalt sein, und Menschen versuchen sich durch ihre Hunde vor gewalttätigen Übergriffen zu schützen.

Wahrend das Pentagon, CIA und US State Department die Interessenten für diese KI sind, zeigen das FBI und US Department of Homeland Security noch wenig Interesse daran. Das US Militär verwendet ein eigenes System, um solche Vorhersagen zu machen.

Die Vorhersage von Revolutionen und Umstürzen bleibt aber ein Problem. Kleine Datenmengen stellen die KI vor große Herausforderungen, können aber wegen der großen Gefahren, die davon ausgehen, im diplomatischen und politischen Kontext hilfreiche Unterstützung sein, um entsprechende Vorbereitungen zu treffen, die humanitäre Tragödien abwenden können.

Kommentar verfassen