Empathie stoppt bei den Empathielosen

Sir Karl Popper, der österreichisch-britische Philosoph, stellte schon unmittelbar nach dem Zusammenbruch des Naziregimes in seinem Buch Die offene Gesellschaft und ihre Feinde fest, dass Toleranz nicht immer gerechtfertigt ist. Es ist, in anderen Worten, OKAY auch mal intolerant zu sein, allerdings unter bestimmten Voraussetzungen.

Er beschrieb Intoleranz dabei als die Verweigerung eines rationalen Diskurses, der einhergeht mit einem Aufruf zur und Anwendung von Gewalt gegen Andersdenkende und Anhänger anderer Ideologien. Stößt Toleranz auf solche Form der Intoleranz, dann führt es gemäß Popper notwendigerweise zum Verschwinden von Toleranz und einem Anstieg von Intoleranz. Dieses als Intoleranz-Paradox bekannte Prinzip lässt für Popper nur eine Schlussfolgerung zu:

Toleranz endet dort, wo sie auf Intoleranz stößt.

Dieses von Popper formulierte Prinzip ist auch in anderen Bereichen anwendbar. Die Corona-Pandemie brachte nämlich das Fehlen von Empathie beim gleichzeitigen Voranstellen der eigenen Rechte oder dem Pochen auf die Wahrung eigener Rechte zum Schaden anderer in den Vordergrund.

Der Senator mit der lesbischen Tochter

Man stelle sich vor, ein Politiker spricht sich öffentlich gegen die Rechte von Personen des anderen Geschlechtes, sexueller Orientierung, oder anderer Ethnien aus und treibt Gesetze voran, die diese Personengruppen benachteiligen oder geht gegen Gesetze vor, die deren Rechte sicherstellen. Ein US Senator, der sich gegen den Bann einer Therapie einsetzte, die Homosexuelle zu einer heterosexuellen Orientierung „heilen“ sollte, musste erfahren, dass seine eigene Tochter sich als lesbisch outete. Das forcierte ihn zu einem Umdenken, das darin mündete, seine eigene bigotte Meinung zu ändern. Aber nicht, weil er nun plötzlich toleranter gegenüber der LGBTQ+-Mitgliedern wurde, sondern weil er seiner eigenen Tochter gegenüber besser ein Mitgefühl entwickeln und sexuelle Orientierung ein bisschen besser verstehen konnte.

Das ist ein Phänomen, das wir als Mangel an Empathie bezeichnen können. Empathie ist kurz gefasst die Fähigkeit, die Empfindungen und Gefühle einer anderen Person nachzuempfinden und diese zu gegebenem Anlass auch über seine eigenen Denkmuster und Empfindungen zu stellen.

Wirft man den Einen (zum Beispiel „den Linken“) zu viel Empathie vor, die die „ganze Welt retten“ und Flüchtlinge aufnehmen wollen, so ist Anderen genau das Gegenteil zuzuschreiben. Sie haben zu wenig Empathie, und der Kreis der in die eigene Empathie Berücksichtigen beschränkt sich flexibel und je nach Opportunität. Sind es einmal die Ausländer, denen man keine Empathie zubilligt, so ist es in anderen Situationen der politisch Andersdenkende, der Kapitalist oder der faule Arbeitslose und die Drogensüchtigen.

Mit Corona bekam die Empathielosigkeit neue Ziele. So werden nun Alte und Personen mit Vorerkrankungen als durchaus akzeptabler Kollateralschaden angesehen, wenn es darum geht, nicht in den eigenen „Rechten“ eingeschränkt zu werden. Lieber sterbe die alte Oma, die ohnehin irgendwann den Abgang machen müsse, als dass ich mich einschränken lasse, ein Schnitzel im Wirtshaus zu konsumieren oder im Bierzelt zu feiern.

Während diese Personen alle Rechte für sich beanspruchen, sind sie nicht bereit ihren Verpflichtungen nachzugehen, die sie gegenüber der Gesellschaft haben. Sich nicht impfen lassen, sich nicht einschränken lassen, aber bei einer COVID-Erkrankung alle Leistungen des Systems für sich in Anspruch nehmen, die man anderen so nicht zugestehen will.

Der kleine Herr Scharfmacher

Ein Paradebeispiel ist der FPÖ-Chef und frühere österreichische Innenminister Herbert Kickl. Dieser trat in der Vergangenheit vor allem als Befürworter von Maßnahmen gegen andere Menschengruppen auf. Sei es gegen Flüchtlinge, Drogensüchtige oder politisch Andersdenkende, so wurden es in der COVID-Pandemie Geimpfte, Menschen mit Vorerkrankungen, alte Menschen und Politiker, die ihm seine Rechte einschränkten und auf die sich sein hass konzentrierte. Bis es ihn heute selbst erwischte: er gab bekannt, dass er, der aus eigener Wahl bislang ungeimpft ist, positiv auf Corona getestet worden war und nun genau auf das Gesundheitssystem und diese Maßnahmen angewiesen ist, die er anderen vorenthalten wollte oder gegen die er ankämpfte.

Kickls Pressemitteilung zu seiner Erkrankung reflektiert auch nach wie vor die Selbstleugnung der eigenen Schuld an der Infektion. Der Satz ist so formuliert, als ob die Gesundheitsbehörde daran schuld sein, und nicht sein eigenes Verhalten, dass er positiv sei:

Ich muss Euch leider mitteilen, dass ich heute von Seiten der Gesundheitsbehörde die Nachricht bekommen habe, dass ein PCR-Test, den ich gestern abgegeben habe, positiv ist. Damit bin ich jetzt ein Covid-19 Fall und habe die Auflage, eine Quarantäne für 14 Tage einzuhalten.

Nicht er sei erkrankt, sondern die Gesundheitsbehörde habe ihm eine Nachricht dazu geschickt, dass der Test positiv ist. Er sei damit ein COVID-19-Fall und gezwungen, in Quarantäne zu gehen. Er macht sich damit zum unschuldigen Opfer der Behörden, die ihn zu einem COVID-Fall gemacht habe. Nicht er habe sich durch sein skrupelloses Verhalten, ohne den Anweisungen von Gesundheitsexperten zu folgen, angesteckt.

Seins Verhalten steht im Einklang mit Aussagen von Intensivmedizinern, die zunehmend Patienten sehen, die durch ihre Impfverweigerung erst zu COVID-Fällen wurden und nun auf der Intensivstation liegend nach wie vor nicht glauben wollen, dass sie COVID hätten, sondern das System der Ärzte und Politik sie belügen würde.

Süddeutsche Zeitung vom 6.11.2021

Solche Aussagen sind keine Einzelfälle. Ein 28-jähriger steirischer FPÖ-Funktionär tat sich sogar durch ein Videospiel namens „Corona baba“ hervor, mit dem er sich vor einem Jahr über die Corona-Maßnahmen lustig gemacht hatte. Bis, ja bis es ihn selbst erwischte und er auf die Intensivstation in künstlichem Tiefschlaf versetzt werden musste. Jetzt in der Rehabilitation hat er durch seine eigene Erfahrung plötzlich die Kapazität, zu verstehen, was diese Pandemie bedeutet.

Die Empathielosigkeit diese Leute endet dort, wo sie selbst davon betroffen werden. Nun sagen viele, wir sollten dem von Michelle Obama zitierten Satz „Wenn sie sich auf ein tiefes Niveau begeben, dann gehen wir auf ein höheres Niveau“ („If they go low, we go high“) folgen, also dass wir nicht uns auf das Diskussionsniveau des politischen Gegners hinab begeben, dann mag das zwar ein hehres Ziel sein, aber es ist völlig wirkungslos und gefährlich. Nur weil Kickl nun an COVID erkrankt ist halte ich mich nicht zurück und wünsche ihm nur baldige Besserung, sondern ich wünsche ihm zwar, dass er genest, aber fast wünsche ich ihm das mit den möglichst schlimmsten Erfahrungen. Er nahm für andere diese Erfahrungen in Kauf, nur um seine eigenen Rechte zu bewahren und sich nicht einschränken zu müssen. Und nun soll ich ihm das Beste wünschen? Nach all dem, was dieser Mensch anderen angetan und über sie gesagt hat? Nur zur Sicherstellung: ich verweigere ihm nicht die beste medizinische Behandlung, die wir aufzubieten haben, ich wünsche ihm nur eine möglichst „intensive“ Erfahrung der Krankheit in allen Facetten, sodass er sich selber eine Meinung aus erster Hand machen kann. Und ich wünsche ihm, dass er davon gesundet. Aber ihm das Beste wünschen und Mitleid mit ihm zu haben? Wirklich nicht!

Ich sehe das wie Popper, der zu Intoleranz und Toleranz schon sein legendäres Statement abgegeben hat, und ich sehe das mit Empathie und Empathielosigkeit genauso. Im Zweifelsfall kann sich jeder und jede meiner Empathie versichern. Bei denen, wo ich deren Empathielosigkeit kenne, endet meine Empathie. Dieses Gegenüber muss sich meine Empathie erst verdienen. Sie kriegt sie nicht automatisch.

Empathie endet dort, wo sie auf Empathielosigkeit stößt.

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