Twitter war schon vor Elon Musks Übernahme scheiße

Seit der reichste Mann der Welt, Elon Musk, nach einem mehrere Wochen anhaltenden Trauerspiel Twitter um 44 Milliarden Dollar übernommen hat, gehen die Wogen hoch. In performativer Empörung kündigen einflussreiche und weniger wichtige Twitterbenutzer an, ihr Twitterkonto stillzulegen. Dabei sind die Gründe unterschiedlich: von der Aversion gegen Elon Musk, die manche Leute hegen, über die Gefahr für die Meinungsfreiheit durch einen Milliardär, oder, ganz im Gegenteil, die Befürchtung, dass wieder radikale Elemente wie Donald Trump auf die Plattform zurückgelassen werden, reichen die Gründe.

Andere wiederum bedauern all die armen Twittermitarbeiter, die in einer „brutalen“ Art ihren Job verloren haben. Einfach so per E-Mail an ihre private E-Mail-Adresse. Und besonders wird beklagt, dass die zuständigen Teams für Ethik oder Inklusion auch gefeuert worden sind. Und selbst Twitter-Gründer Jack Dorsey entschuldigt sich in einem Tweet, dass er sich nicht mehr um Twitter gekümmert habe, und es nun zu dieser Situation gekommen sei.

Diese Wogen überdecken, dass Twitter eigentlich schon vorher ziemlich scheiße gewesen war. Es ist definitiv das toxischste unter den sozialen Medien wie Facebook oder LinkedIn. Und das sage ich als jemand, der seit genau 14 Jahren auf Twitter ist, es regelmäßig nutzt und auch ein paar tausend Follower hat.

Twitter unternahm über die Jahre hinweg nur sehr wenig gegen rassistische, ausländer-, frauen-, behindertenfeindliche Benutzer. Die Reaktionen von Twitter waren lahmarschig, redeten sich auf Rede- und Meinungsfreiheit aus, und schienen eher darauf zu pfeifen, solange das Aktivität auf der Plattform brachte. Ganz im Gegenteil: die Opfer solcher Attacken auf Twitter wurden gefühlt häufiger gesperrt als die Täter. Und das scheint sich wieder zu bewahrheiten, denn Elon Musk amüsierte die Aufregung, die er mit einem Tweet kommentierte:

Aber zurück zu Twitter und der Zeit vor der Übernahme durch Elon Musk. Die Ethik- und Inklusionsteams innerhalb von Twitter schienen entweder schon damals im besten Fall überfordert und inkompetent zu sein oder im schlimmsten Fall nur zum Inklusions- und Ethiktheater und zu dienen.

Was Innovation betrifft, ist Twitter unter den sozialen Medien das Schlusslicht. Mit Abstand. Was kam schon in den letzten Jahren als Innovation raus? Nach Videos, Videovoransicht und Bildern (jeweils 2010, 2012 und 2013), die man bei Tweets anhängen konnte, wurde 2017 die Erweiterung der Tweets von 140 auf 280 Zeichen als große Innovation verkauft. Einen Downvoting-Knopf (als Gegenstück zum Like-Button) verschwand dieses Jahr nach einigen Wochen wieder von meiner Auswahl. Die seit Jahren gewünschten Bearbeitungsfunktion eines abgesandten Tweets oder das Hinzufügen von Dokumenten kamen nicht aus den Startlöchern. Selbst eine sogenannte „Unroll“-Funktion, die oft bei längeren Tweetverläufen zu einem Thema gewünscht war, kam von anderen Anbietern.

Der Speckgürtel, der sich mit 7.500 Mitarbeitern angehäuft hatte, schaffte es scheinbar weder, eine robuste Plattform ohne heissgestricktem Code zu schaffen, die Plattform mit Innovation voranzubringen, menschliche Ethik- und Inklusionsteams ihre Arbeit ausüben zu lassen, oder generell Innovation zu schaffen. Bei Twitter hatte sich dank fehlender Leadership Bequemlichkeit und Wurstigkeit breitgemacht. Jack Dorsey war die letzten Jahre vor allem an seinen Krypto-Abenteuern interessiert, Twitter selbst schlingerte, und das zeigte sich an den wechselhaften Jahresergebnissen. Einmal ein Gewinn, dann wieder keiner. Einkunftsquelle waren zu 90 Prozent Werbungeinnahmen.

Und jetzt kommt Elon Musk, ein Unternehmer mit zahlreichen milliardenschweren Unternehmensgründungen auf seiner Erfolgsliste, der damit schon mehrere Industrien aufgewirbelt hat, und bringt frischen Schwung bei Twitter hinein. Und das scheucht plötzlich die Leute auf, die Medien hyperventilieren, Politiker und sonstige Stimmungsmacher ereifern sich. Und das Twitter vor Elon Musk wird auf einmal durch die nostalgisch verklärte rosa Brille gesehen, und das Twitter mit Elon Musk als Verkörperung des Bösen.

So sehr ich Elon Musk für etliche seiner Aussagen und Verhaltensweisen kritisch gegenüber stehe, so wenig verstehe ich dieses Empörungstheater. Der Zeitpunkt zur Empörung und um zur Tat zu schreiten war schon seit Jahren gegeben.

Twitter war schon vorher scheiße, schlimmer kann es wirklich nicht werden.

Übrigens: wie scheiße Twitter ist hat mich dazu veranlasst, ein Buch über Online-Belästigungen und Attacken auf Frauen im Internet zu schreiben. Dabei hat Twitter einen zentralen Platz, wo sich toxische Männer versammeln und Frauen beleidigen, belästigen und bedrohen. Das Buch CYBERF*CKED erscheint diese Woche und kann hier bestellt werden.

CYBERF*CKED

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