Reduziert KI Kreative zu Zirkusfreaks?

Die Menschheitsgeschichte ist voll mit Befürchtungen, dass neue Technologien und Entdeckungen damals wünschenswert scheinende menschliche Fähigkeiten nun verschwinden lassen würden. Diese Fähigkeiten wurden oft auch als stellvertretend mit dem Charakter einer Person oder Moralwerten einer Gesellschaft gleichgesetzt. So meinte, als ein Beispiel von vielen, der griechische Philosoph Sokrates (469-399 vor der Zeitenwende) in einer seiner Kritiken, dass dieses neumodische Zeugs, nämlich die Schrift, die Vergesslichkeit fördern würde.

Sokrates erzählte in Phaidros, wie der Gott Theut, der den Menschen eine Reihe von Erfindungen gebracht haben soll, dem ägyptischen König Thamus seine neueste Erfindung, die Schrift, als Mittel für Verstand und Gedächtnis angepriesen hatte. Die Ägypter würden damit weiser und gedächtnisreicher werden. Doch Thamus wollte laut Sokrates davon nichts wissen und entgegnete, dass ganz im Gegenteil die Schrift dem Lesenden Vergessenheit einflößen würde aus Vernachlässigung des Gedächtnisses.

Über die Jahrhunderte und Jahrtausende hinweg wiederholen sich solche Befürchtungen von Fähigkeiten, die verloren gehen würden, oder der moralische und damit zivilisatorische Kollaps bevorstünde. Bücher, die besonders bei Frauen Hysterie hervorrufen würden. Comics, die das junge Gemüt von Kindern negativ beeinflussen könnte. Radio, Fernseher, Videospiele oder Tik Tok-Videos, die junge Menschen auf einen bedenklichen Pfad führen würden. Fahrräder, die (jungen) Frauen einen größeren Raum für Unabhängigkeit geben und damit der Kontrolle der Eltern, Ehemänner oder Vormünder entziehen und zu Verführung entziehen würden.

Ein alter Professor der anorganischen Chemie an der TU Wien mokkierte sich während meines Studiums vor uns Studenten, dass die junge Generation nicht mehr all diese chemischen Experimente machen würde, die er in seiner Jugend durchführte – und ihm so nebenbei mehrere Finger gekostet hatten. Dass die junge Generation Zeit damit verbringen musste, moderne Analysegeräte zu programmieren, und sich somit die Zeit einteilen musste, wollte er nicht wahrhaben. Für ihn waren wir keine „richtigen Chemiker“.

Rufen wir uns nur ins Gedächtnis, welche andere vermeintlich zivilisatorisch und charakterbildende Fähigkeiten wieder vor dem bedauerlichen Verschwinden stünden. Wie man ein Wählscheibentelefon bediene, oder die Gänge in einem Auto mit Handschaltung einlegt, oder etwa einen Bleistift für eine Audiokassette einsetzt.

Wir bewunderten die Fähigkeiten von Menschen, die Gedichte auswendig lernen konnten. Über Jahrhunderte war Auswendiglernen ein wichtiges Element in unserem Schulsystem und ist es teilweise bis heute noch, obwohl dessen Nutzen immer mehr in Zweifel gezogen wird und stattdessen kreative Fähigkeiten wichtiger sind. In der arabisch-islamischen Welt wird die Koran-Rezitation hoch geschätzt. Menschen, die die 7.000 Verse auswendig aufsagen können und oft jahrelang darauf hin arbeiten, werden wie Popstars gefeiert.

Noch im frühen 18 und 19. Jahrhundert wurden bei uns Rechengenies als mathematische Genies gefeiert. Leonhard Euler (1775 – 1836), Carl Friedrich Gauß (1777 – 1855) oder André-Marie Ampère (1775 – 1836) fanden sich darunter, die später auch berühmte Mathematiker wurden. Sie konnten großartige Leistungen im Kopfrechnen vollführen.

Doch das änderte sich im späten 19. und dann 20. Jahrhundert. Große Mathematiker waren nur selten gute Kopfrechner, und gute Kopfrechner wurden noch seltener gute Mathematiker. Kopfrechnen wurde als mechanische Tätigkeiten gesehen, die Maschinen übernehmen konnten. Diese Kopfrechner wurden zum Stoff von Varietéaufführungen und überragende Rechenfähigkeit nicht mehr mit menschlicher Intelligenz assoziiert.

Viele Berufe, die solche den Kopfrechnern ähnliche mechanische Tätigkeiten ausführen, wie Notare, Rechtsanwälte oder Trader, und nicht mehr als eine Schnittstellenfunktion ausführen, sind – wenig überraschend – am meisten von der neuesten Technologie, der künstlichen Intelligenz, bedroht. Völlig unerwartet aber auch Kreative. Kreativität oder Sprache wurden bislang als einige der Eigenschaften genannt, die uns Menschen von Tieren und Maschinen unterscheiden würden.

Doch kommt es wirklich so überraschend, dass dies nun in Frage gestellt wird? Immerhin demonstrierte schon vor fast 30 Jahren, dass eine Maschine dem Menschen in einem Spiel, das uns als Indikator von hoher Intelligenz und Kreativität diente, den Weltmeister besiegte. Ich rede natürlich vom Schach. Nicht mal 20 Jahre später war es dann Go.

Und nun erwischt es Kreativität und kreative Arbeit? Dazu müssen wir verstehen, wie Kreativität definiert wird. Die britische Kognitionswissenschaftlerin Margaret Boden unterschied grob drei Formen:

  1. die kombinatorische Kreativität, die beispielsweise zwei Stilrichtungen zusammenbringt (Tango gepaart mit Elektronischer Musik = Elektrotango);
  2. die explorative Kreativität, die alle Randbereiche von erforschten Bereichen abklappert (nach der blauen Periode die rote Periode).
  3. die seltenste Form ist die transformative Kreativität, die unseren Denkrahmen verändert. Als Beispiel können wir hier die Einführung Relativitätstheorie oder Zwölftonmusik anführen.

Die beiden ersten Formen sind gemäß Boden für mehr als 99% der kreativen Schöpfungen zuständig, während die letzte Form so selten vorkommt, dass wir nicht wirklich wissen, wie sie funktioniert.

Es stellt sich heraus, dass die kombinatorische und explorative Kreativität viel mit mechanischer Denkleistung gemein hat. Und das ist es, was wir durch generative KI nun erleben. Genau heruntergebrochen ähnelt die vermeintlich kreative Arbeit einer recht mechanistischen Arbeit. Zwar mag der Entwurf eines Kunstwerkes oder eines wissenschaftlichen Experiments der kreative Teil sein, doch dann wird es mechanisch. Linien ziehen, kolorieren, Kombinationen von Materialien durchtesten, um den idealen Glühfaden, Katalysator oder Elektrolyt zu finden, sind recht eintönige Tätigkeiten, die nicht mehr viel Gehirnleistung fordern. Während des schöpferischen Akts werden natürlich unentwegt kleine kreative Entscheidungen getroffen. Die Hand mehr links oder rechts? Die Pose mehr so oder so? Diese Farbschattierung oder jene? Ein Ornament ums Fenster herum oder doch eher nackt?

Ein nicht unerheblicher Anteil an Kreativen scheint dabei auch nicht wirklich das Niveau an Kreativität aufrecht erhalten zu können und genügt sich darin, einen einmal gefundenen Stil oder Erfolgsmasche fortzuführen. Sei es immerfort derselbe Stil, dieselben idyllischen Motive, dieselbe Rolle in Film und Fernsehen, oder dieselbe Nische im wissenschaftlichen Fachgebiet.

Wenn nun die Maschine das nicht nur besser sondern auch schneller kann, was ist dann die Fähigkeit wert, ein Gemälde zu erstellen, eine Skulptur zu schaffen, ein Musikstück zu komponieren, das nächste unerforschte Axiom am Rand seiner wissenschaftlichen Disziplin zu erforschen? Wird es ihnen wie den Kopfrechnern ergehen, die diese Fähigkeit nur mehr in Varietéshows zeigen, ansonsten aber als Zirkusfreaks betrachtet werden? Oder werden sie nur mehr als Zulieferer von kreativen Rohdaten für Maschinen betrachtet?

Ist dieser Ton doch etwas zu pessimistisch gworden? Ja, Maschinen sind schneller, stärker und denken besser als Menschen, trotzdem sehen wir uns nach wie vor Sportwettbewerbe an und verfolgen interessiert Schachturniere. Ich wage zu behaupten, wir werden auch weiterhin Konzerte besuchen, in Galerien und Museen schlendern, und einer Lesung zuhören, wenn wir dort auf Menschen treffen, die kreativ Schöpfen und herausragende Leistungen jeglicher Art zeigen.

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