Lebensziele: Umberto Ecos Bibliothek

In einem knapp einminütigen Video folgt die Kamera einem leicht glatzköpfigen älteren Herren, der ohne anzuhalten durch eine Wohnung schreitet, ein Buch in der rechten Hand hält und dabei ein Bücherregal nach dem anderen passiert, bis er schließlich an einer Stelle anhält und das Buch in einen Spalt zwischen andere Bücher schiebt.

Dieser Mann war der Literaturprofessor und Autor Umberto Eco, den wir unter anderem durch seinen verfilmten Bestseller Der Name der Rose kennen. Die Wohnung war die seine und wir erlebten, wie er entlang seiner umfassenden Privatbibliothek von knapp mehr als 50.000 Büchern geht.

Mit 50.000 Bänden lag Eco allerdings weit hinter der Sammlung des Modedesigners Karl Lagerfeld, die auf über 300.000 Exemplare geschätzt wurde. Die immer wieder kehrende Frage, ob er denn die alle gelesen habe, bejahte er schmunzelnd, und fügte hinzu, dass er die ungelesenen Bücher in seinem Büro an der Uni habe. Tatsächlich betrachtete Eco seine Bibliothek als Arbeitsbibliothek, in der Bücher dazu dienten, nachschlagen zu können. Natürlich kann kein Mensch im Leben 50.000 Bücher lesen. Das würde in einem langen Leben wie Ecos bedeuten, dass er um die 625 Bücher pro Jahr von der Geburt bis zum Tod lesen muss, also zwei Bücher pro Tag. Und dazwischen muss man auch noch leben.

Auf mich hat Umberto Ecos Bibliothek eine motivierende Wirkung. Mein Lebensziel ist es, einen solchen Schatz an Wissen auch in meiner eigenen Privatbibliothek zu versammeln. Wie komme ich dahin und was muss ich dazu machen? Und da wird es haarig, wie eine kleine Zahlenspielerei beweist.

Wenn ich von meinen recht mickrig wirkenden 4.000 bis 5.000 Bänden ausgehe und Umberto Ecos Zahl erreichen will, muss ich meine Sammlung mehr als Verzehnfachen. Dafür bleiben mir bei gleicher Lebenszeit Ecos, der im Alter von 84 Jahren verstorben ist, noch knapp über 30 Jahre. Das bedeutet, ich muss in dreißig Jahren mindestens 45.000 Stück weitere Bücher hinzufügen, was pro Jahr um die 1.500 neue Bücher bedeutet, oder pro Monat 125 Stück. Bei einem Durchschnitsspreis von €20 käme ich da auf monatliche Ausgaben von €2.500. Auch kein Klacks.

Bin ich ein Bibliomane oder doch eher ein Tsundoku? Das ist das japanische Wort für „Die Kunst mehr Bücher zu kaufen, als man lesen kann“ oder wörtlich „Bücher zum Lesen aufhäufen“. Während ein Tsundoku die Bücher erwirbt mit dem aufrechten Wunsch, diese zu lesen, ist ein Bibliomane eher jemand, der eine Bibliothek anlegt um mit ihr anzugeben. Dem Tsundoku geht es nicht darum, damit anzugeben, darum ist es ihm oder ihr auch egal, dass die Bücher gestapelt und angehäuft werden, einem Bibliomane sehr wohl. Schöne Exemplare werden bewusst präsentiert, die Ordnung zum Beeindrucken anderer wichtig.

Bin ich nun ein Tsundoku oder ein Bibliomane? Ich bin wohl eine Mischung, denn ich habe sowohl Bücherstapel, habe sie nur grob geordnet, und doch präsentiere ich gerne manche Bücher – hier vor allem französische Comics und Bildbände – indem ich sie mit dem Titelblatt voran auf Haltern stelle um die Illustration wirken zu lassen.

Jedenfalls will ich mich hier nicht schubladisieren, oder wohl passender: regalisieren lassen. Umgeben von seinen Büchern zu sein und über die Buchrücken schweifen und darin zu schwelgen, welche Wissensschätze sich hier verstecken und öffnen könnten, ist ein Genuss für sich, der keiner Rechtfertigung bedarf.

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