Wie frei die Wissenschaften sind, ist messbar. Ein 2012 erschienener Artikel von Jon Bruner, der lange als Redakteur und Datenanalyst bei Forbes und O’Reilly diente, hat an Brisanz nichts eingebüßt, wenn man die aktuellen Kürzungen im Wissenschaftshaushalt unter der Trump-Administration und deren Kampf gegen Universitäten, ausländischen Studenten, Umweltschutzbehörden und medizinischer Forschung betrachtet.
In einer Infografik schlüsselte er die Nobelpreise nach Kategorie und Jahr auf, sowie auf das Land, in dem die jeweiligen Ausgezeichneten sich befanden, als den Anruf aus Oslo und Stockholm erhielten. Von den 314 in den USA ansässigen Nobelpreisträgern waren 102 (32 Prozent) nicht in den USA geboren. Seit 1935 (mit Ausnahme der Jahre 1940-1942, als keine Preise vergeben worden waren) gewann immer mindestens ein Amerikaner einen Nobelpreis. Dabei dominieren die Amerikaner vor allem Physik, Chemie, Medizin und Wirtschaftswissenschaften.

Interessant sind dabei die Änderungen über die Zeit, die ganz deutlich für Deutschland sind. Vor 1935 dominierten Deutschland (und Österreich) die Nobelpreisränge, bis mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten die USA zu dominieren begannen. Und das dank der vertriebenen und geflüchteten Wissenschaftlern, die in den USA eine neue Heimat und vor allem großzügige Mittel für die Wissenschaft vorfanden, wie auch die Freiheit ihre Forschungsgebiete selbst zu bestimmen. Zwischen 1935 und 1953 gab es keinen einzigen in Deutschland tätigen Physiknobelpreisträger, auch in der Medizin gab es zwischen 1939 und 1956 eine Durststrecke.
Der Rassismus, Judenhass und die Wissenschaftsfeindlichkeit der Nazis bedeutete nicht nur den Verlust Top-Wissenschaftlern und -Künstlern, sondern hatte auch direkte Auswirkungen auf den Kriegsverlauf. Die Zahl der europäischen Wissenschaftler, die an der Entwicklung der Atombombe beteiligt waren, stellte sich als entscheidend für den Ausgang des Zweiten Weltkriegs heraus.
Wissenschaftsfeindlichkeit führt zu einer wirtschaftlichen und militärischen Schwäche, die nur schwer wieder aufgeholt werden kann.
Eine Studie aus dem Jahr 2018, durchgeführt von Prof. Claudius Gros vom Institut für Theoretische Physik der Goethe-Universität, zeigt die Verläufe über die Jahre. Auf der Zeitachse sieht man die Kurven für ausgewählte Länder an, und wie viele Nobelpreisträger pro Jahr dieses Land erhalten hat. Dabei wurde die Staatsbürgerschaft als Kriterium herangezogen. Deutschlands Dominanz in den Bereichen Chemie, Physik und Medizin sinkt dabei mit Beginn des Ersten Weltkrieges von mehr als 1,6 Nobelpreise pro Jahr, um sich dann ab den 1960er Jahren auf etwas unter 0,25 Nobelpreise pro Jahr einzupendeln.

Interessant ist der Einbruch, den das Vereinigte Königreich ab 1975 erleidet. Von durchschnittlich einem Nobelpreisträger auf ein Zehntel pro Jahr in nur kurzer Zeit ist dramatisch. Unter der Regierung der britischen Ministerpräsidentin Margaret Thatcher wurden ab 1979 die Mittel für die Grundlagenforschung drastisch gekürzt, weil sie der Regierung nach wenig Bedeutung für die Industrie und Wirtschaft hatte. Acht Jahr später erkannte die Thatcher-Regierung aber ihren Fehler und begann die Grundlagenforschung wieder zu fördern. Der Nachhall wirkte sich aber länger aus. Wurden die Forschungsstrukturen erst einmal zerstört, stellen sich der Vertrauensverlust der Forschung an die Regierung und der mühsame Wiederaufbau als veritable Hindernisse heraus.
Über 20 Prozent der Nobelpreisträger waren Juden, obwohl sie nur 0,2 Prozent der Weltbevölkerung ausmachen. Juden leisten weltweit den größten Beitrag in den MINT-Fächern.
Die aktuelle Vorgehensweise der amerikanischen Regierung unter Trump zeigt erste Anzeichen einer Umkehrung. Amerikanische und ausländische Wissenschaftler verlassen entweder freiwillig das Land, oder werden dazu gezwungen. Auch die Verschärfung oder sogar gänzliche Stopp der Ausstellung von Studenten- und Forschungsvisa hat einen abkühlenden Effekt auf den Zuzug von Wissenschaftlern aus aller Welt. Hinzu kommt die Kürzung vieler Forschungsgelder, speziell auf den Gebieten der sozialen Wissenschaften, der Klimaforschung, aber auch der Medizin. Die weitläufigen Entlassungen in vielen dieser Behörden tragen ebenso negativ bei, wie die Besetzung der Ministerposten mit nicht nur unqualifiziertem, sondern auch ideologisch verbrämten und einfach nur vertrottelten Personal, das an Verschwörungstheorien glaubt und wissenschaftsfeindlich agiert. Und auch die gezielte Vorenthaltung von Forschungsgeldern an Top-Universitäten wie Harvard, die einem persönlichen Kampf der Regierung gegen solche Einrichtungen gleicht, machen die Situation der Wissenschaften nicht besser.
Orientiert man sich dabei an den historischen Ereignissen im Nazi-Deutschland und unter der Thatcher-Regierung im Vereinigten Königreich, dann wird sich diese Wissenschaftsfeindlichkeit der Trump-Regierung nicht nur in der Anzahl der Nobelpreis für die USA in den kommenden Jahren auswirken, es wird das Land auch wirtschaftlich und militärisch schwächen. Zum Schaden der USA selbst und der Welt.
