Süchtig machender KI-Slop

Ohne es zu bemerken hatte ich jahrelang Bücher und Artikel zum Verhalten von Menschen verschlungen. Bücher mit Titeln wie Nudge, Denken hilft zwar, nützt aber nichts oder Warum Frauen Sex haben faszinierten mich und landeten in meinen Bücherregalen. Als um 2010 dann Gamification, die Kunst, wie man Spieleelemente in einem nichtspielerischen Umfeld einsetzen kann, um Menschen zu gewissen Verhalten zu motivieren, fiel mir das alles wieder in die Hände. Und das zwei Jahrzehnte, nachdem ich das erste Mal mit irrational scheinenden Verhalten in Firmenpolitik konfrontiert worden war. Aber das ist eine andere Geschichte.

Daher rührt meine Faszination mit der Art, wie Menschen miteinander umgehen und sich gegenseitig das Leben schwer machen. Im Zeitalter von Künstlicher Intelligenz, mit der mit wenig Aufwand bereits existierende oder neu generierte Inhalte in andere Formate umgewandelt werden können, verbreiten sich Geschichten mit merkwürdigen Verhaltensweise viel rascher.

So stieß ich auf auf YouTube auf eine ganze Nische von solchen mit KI vertonten Videos, in denen zumeist aus reddit-Foren stammenden Geschichten von Arbeitsplatz-, Familien- oder Beziehungsdramen nacherzählt werden. Es sind immer dieselben 4 bis 5 Stimmen, die Sprach-KIs anbieten, und die überraschend gut, aber doch teils fehlerbehaftet, in 15- bis 60-minütigen Videos eine Story erzählen, in der jemanden Unrecht getan wurde und dieser Jemand aber seine Rache erlebte.

Die Geschichten ähneln sich in ihrem Aufbau. Die Geschichte wird immer mit dem Moment eröffnet, in dem eine Aussage fällt, die den Protagonisten oder die Protagonistin, die aus ihrer Perspektive berichten, zum Handeln zwingen. Die Geschichte wird dann von Anfang an erzählt, um die Charaktere einzuführen, bis hin zur Situation, in denen es eskaliert. Danach kommt die Rache, die sich oft weniger als Rache an sich, sondern als automatische, in weiser Voraussicht des Erzählers, ablaufende Reihenfolge von Handlungen mit dramatischen Konsequenzen für den oder die erfolglos diese abzuhalten versuchenden Übeltäter abläuft, und für den Erzähler zu einem unaufhaltsamen sozialen und beruflichen Aufstieg führt.

Arbeitsplatzdramen

Bei den Arbeitsplatzdramen wird die Geschichte aus der Sicht eines Angestellten eines Unternehmens geschildert, der oder die seit Jahren immer im Hintergrund alle Teile zusammenhält, unbemerkt Überstunden zu jeder Tages- und Nachtzeit leistet, mit den Kunden und Lieferanten gute Beziehungen unterhält und damit deren Vertrauen gewonnen hat. Die Vorgesetzten sind entweder Eigentümer, die nach jahrelang hinhaltenden Versprechungen von Beförderungen oder Gehaltserhöhungen dann überraschend einen Neffen, Nicht, Sohn, Tochter oder sonstige Verwandte auf diese Position setzen, oder Manager, die ihre eigenen Freunde einschleusen. Letztere tendieren dazu, auf kriminelle Art die Firma auszubluten, die Arbeit des Protagonisten als die eigene auszugeben, oder Kosteneinsparungen vorzunehmen, um den eigenen Bonus zu erhöhen.

Dabei wird übersehen oder gar nicht verstanden, wie der Protagonist im Alleingang das Unternehmen zusammenhält. Die Software, die Prozesse, die Patente oder Lizenzen, die persönlich über Jahre aufgebauten Beziehungen zu Kunden, die einen Großteil des Firmenumsatzes bringen, stammen von der unermüdlichen, jahrelangen Arbeit des Protagonisten.

Die Vorenthaltung der Beförderung oder Gehaltsanpassung, oder gleich die Entlassung, zeigen drastisch auf, wie abhängig das Unternehmen vom Helden der Geschichte ist. Die Kunden folgen dem Helden, die Software beginnt zu versagen, weil an den Helden gebundene Autorisierungsschlüssel nicht mehr funktionieren, die Rechte an der in der Freizeit entwickelten Software sind wasserdicht mit dem Protagonisten verknüpft und dafür muss entweder viel Geld bezahlt werden oder der Protagonist verkauft sie an die Konkurrenz. Diese und ähnliche Giftpillen führen dann zum Untergang des Bösewichts, wo immer verzweifelter werden Anrufe, Textmessages und Bitten um Hilfen an den gerade erst noch in demütigender Weise entlassenen oder übergangenen Protagonisten gerichtet werden.

Dieser allerdings hat bereits ein Angebot von der Konkurrenz erhalten oder angenommen, denn in diesen Kreisen folgt man solchen Helden immer und da sich änderungen rasch herumsprechen würden, ist auch sofort immer jemand da, der ein Angebot macht, das besser ist und ohne Auflagen und mit mehr Ressourcen kommt.

Im Ausklang erfahren wir, wie die Bösewichte in der Branche einen irreparablen Schaden an der eigenen beruflichen Reputation erlitten haben, das Unternehmen nicht mehr dasselbe ist oder gar untergegangen ist, und unser Held in der neuen Aufgabe und Rolle von Erfolg zu Erfolg eilt.

Familiendramen

Ähnlich verhält es sich mit Familiendramen, wo die Familie des Protagonisten oder der Protagonistin diese als selbstverständlich nimmt. Der Bruder oder die Schwester sind das „Golden Child“ der Eltern, die diese in den Mittelpunkt stellen und deren Verhalten entschuldigen, aber den Protagonisten als Geldautomat und Stütze sehen, den man anpumpt, aber sonst nicht beachtet. Bis es zu einer Situation kommt, wo der Protagonist erkennt, wie er oder sie behandelt wird und Konsequenzen zieht.

Auslöser sind beispielsweise Hochzeiten, Familienurlaube oder um Eigentum wie Autos oder Häuser für das Golden Child, wo der Held um Geld gebeten wird, und dieser es gern bereitstellt, weil es sich ja um die Familie handelt und da hält man doch zusammen. Doch dann sagt die Mutter oder der Vater etwas, das alles ändert. Der Held wird von der Hochzeit oder dem Familienurlaub ausgeladen, oder Eigentum des Helden wird dem oft als Versager geltenden Geschwisterlein von den Eltern zugewiesen. Oder der Familienbetrieb dem glamourösen und studierten Kind vererbt, dem darin unentgeltlich mit viel Zeit arbeitenden Helden aber vorenthalten, weil er beispielsweise nicht vorzeigbar sei oder wisse, wie man vor Kunden aufzutreten habe.

In Folge entzieht unser Held den Eltern und den Geschwistern die finanzielle Unterstützung, was zum Zusammenbruch der Familienbande und der Reputation in den oft so aufwendig gepflegten sozialen Zirkeln der Eltern führt.

Beziehungsdramen

Waren die Protagonisten der Arbeitsplatz- und Familiendramen sowohl weiblichen als auch männlichen Geschlechts, so präsentiert mir YouTube bei den Beziehungsdramen ausschließlich solche, die aus der Perspektive des heterosexuellen Mannes erzählt werden. Dabei handelt es sich um einen Mann im Alter um die 30 Jahre, der mit einer Frau als Freundin, Verlobten oder Ehefrau seit einigen Jahren zusammenlebt. Er ist dabei der Ansicht, sie bauten etwas Gemeinsames, auf eine Ehe, Kinder und Haus hin. Er arbeitet selbst einen ehrlichen Job, spart brav sein Geld, und unterstützt großzügig seine Partnerin.

Diese arbeitet oft in einem Marketingjob, oder als Influencerin mit wenig bis gar keinen Einkünften, verfolgt dabei aber einen Lebensstil, der ihren finanziellen Rahmen weit übersteigt, dank unseres Helden aber möglich ist. Dabei lebt sie in seinem von ihm gekauften Haus oder in seiner von ihm bezahlten Wohnung, der Kredit ihres Luxusauto auf seinen Namen wird von ihm bezahlt, weil sie weder die Kreditwürdigkeit noch die finanziellen Mittel hat, und auch sonstige Ausgaben wie Nagelstudio, Friseur, Drinks in beliebten Bars und Restaurants werden von ihr mit seiner Kreditkarte bezahlt.

Unser Held denkt dabei auch an Heirat, wann er um ihre Hand anhalten will, und hat durch ihre mehr oder weniger subtilen Hinweise schon einen von ihr gewünschten Ring oder Schmuck in Aussicht, oder er ist bereits dabei, wenn sie bereits seine Verlobte ist, die Hochzeit vorzubereiten und ihre extravagenten Wünsche betreffend der Hochzeitslokation, dem Blumenschmuck, den Speisen, Fotografen oder dem Kleid zu erfüllen.

Bis es zu einer beleidigenden Aussage oder einem herabwürdigen Verhalten von ihr kommt, die den Bruch erzwingen. Die Frau, der die Darstellung in den sozialen Medien oder die Reputation im eigenen Freundinnenkreis wichtiger ist, als der Mann an ihrer Seit, beginnt ihn zu kritisieren, sich ihm zu enthalten oder mit ihrem Ex zu vergleichen, oder legt ein Verhalten an den Tag, das den Protagonisten langsam verdächtig vorkommt.

Der dieserart vor den Kopf geschlagene Protagonist beginnt ihr seine Mittel zu entziehen, sie auf die Straße zu setzen oder zieht aus der gemeinsamen Wohnung aus. Da sein Name immer auf dem Mietvertrag steht, kündigt er diesen auch, verkaufte ihr Auto, das auf seinen Namen läuft, cancelt alle Kreditkarten und Hochzeitsvorbereitungen, und verbringt die ersten Tage bei seinem besten Freund. oder Bruder, die sehr verständnisvoll sind, gleich mal ihre Couch oder das Gästezimmer wie auch ein Bier anbieten und nie Fragen stellen. Männer unter sich.

Zwischenzeitlich bemerkt sie, was los ist, und beginnt ihn mit Texten und Anrufen zu bombardieren, die durch mehrere Stufen von Zorn, Bitten und Panik gehen. Danach folgen oft Anrufe von ihren Freundinnen, Eltern und Geschwistern, die ihn unreif nennen. Da das alles nichts hilft, werden Kampagnen auf sozialen Medien gefahren, die die Frau als Opfer von toxischer Männlichkeit und eines unreifen, empathielosen Mannes darstellen. Diese fällt rasch in sich zusammen, wenn Freunde auf Widersprüche hinweisen oder Videos von ihrem Verhalten posten. Es folgen Denunzierungen bei der Polizei, Arbeitgeber und Vermieter, die ihn als Stalker und mental instabil darstellen wollen. Gelegentlich kommt ein Anwalt ins Spiel, mit dessen Hilfe die Frau finanzielle Entschädigung für die mentalen Stress und die Beziehungsarbeit über viele Jahre verlangt. Immer hat der Mann einen guten Freund, der selbst Rechtsanwalt ist und es besser weiß als der Clown von Anwalt den die Frau hat.

Am Ende dieser Geschichten hat der Mann immer die besseren Karten, einen besseren Job, mehr Ruhe, und auch neue Dates mit einer Frau, die genau das Gegenteil ist. Die ursprüngliche Frau verliert ihren Job und muss zu ihren Eltern ziehen, weil sie sich alleine mit ihren Gehalt ihren Lifestyle und die Wohnung nicht mehr leisten kann.

Ich bin mir sicher, dass weibliche Internetbenutzer ebensolche Geschichten, nur eben mit umgekehrten Rollen aus der Sicht der Frau, die mit einen nutzlosen Freund, Verlobten oder Mann liiert ist, vorgeschlagen kriegen. Poste sie in den Kommentaren, wenn du solche kennst. Es würde mich wirklich interessieren.

Spezial Ops Dad

Eine weitere Kategorie stellt die des Spezial Ops Dad dar. Ein Mann, der als Navy Seal oder Delta Force weltweit Personenschutz macht oder gemacht hat, geheime Operation und militärisches Training durchführt(e), ist gerade auf Mission in einem weit entfernten Land oder führt nach dem Ausscheiden nun ein ruhiges Leben in einer ruhigen Nachbarschaft. Diese Art von Arbeit hat ihn von seiner Frau und seinen Kindern entfremdet, und ist zumeist geschieden, auch wenn er versucht, immer für seine Kinder da zu sein, was in so einem Job und Familiensituation nicht leicht ist. Oft weiß die Umgebung des Helden nicht, was er beruflich wirklich gemacht hat, denn seine Arbeit war oft als Geheim klassifiziert. Sein Umfeld weiß nur, dass er irgendwie was mit Computern bei Militär gemacht hat, oder einfach irgendein Soldat gewesen war.

Dann erhält eine beunruhigende Nachricht. Sein Sohn oder Tochter wurde brutal zusammengeschlagen, gefoltert oder sogar getötet. Die Übeltäter waren entweder Mitglieder einen Drogenbande, die verwöhnten Söhnchen von hochgestellten Persönlichkeiten in seinem Ort, oder die grausame Familie der Ex-Frau oder deren neuer Liebhaber.

Unser Held kann das nicht auf sich ruhen lassen und sein jahrelanges Training beginnt auf Hochtouren zu laufen. Er kontaktiert Kameraden, mit denen er in Afghanistan, Irak oder sonst wo gekämpft und deren Leben gerettet hat, und bittet sie um Unterstützung. Diese kommen ohne zu fragen oder zu zögern. Jeder von ihnen hat selbst nach dem Ausscheiden aus dem aktiven Dienst das Spezialgerät, wie Waffen, Walkie-Talkies, Munition, Computer und Zugang zu geheimen Datenbanken des Militärs. Oder, wenn er noch aktiv ist, überlässt ihm sein Kommandant seine Truppe und Unterstützung bereit um Rache zu nehmen.

In den nächsten Stunden wird der gesamte Hintergrund der Übeltäter ausgeforscht, der oft krimineller Natur ist und von den höchsten Stellen im Ort gedeckt wird, und die Richter, Sheriff oder millionenschwerer Unternehmer oder Drogenboss alle in der Tasche haben. Gleichzeitig wird deren Anwesen ausspioniert, Schwachpunkte identifiziert, und welche Routinen sie an den Tag legen. Alternativ wird das eigene Haus mit Fallen ausgestattet und zur Festung ausgebaut.

Die Situation eskaliert durch Drohungen und Gespott der Übeltäter, die den Helden innerlich nicht ruhig lassen, aber dieser das äußerlich nicht durchscheinen lässt. Sobald die Vorbereitungen seines Teams komplett ist, beginnt die Rache. Dutzendweise werden die Wächter, Familienmitglieder, korrupte Ordnungshüter und Richter eliminiert, bis der Hauptbösewicht erkennen muss, dass der Vater des Opfers nicht der einfache Soldat, Schulwart oder Handwerker ist, für den er ihn gehalten hat.

Nach der Schlacht sind die Übeltäter entweder unauffindbar, verhaftet, und deren Macht unwiderruflich gebrochen. Unser Held hingegen wird nun mit immensen Respekt in seiner Gemeinde gesehen, auch wenn er wieder aus dem Rampenlicht der Öffentlichkeit verschwindet und sich seinem Kind und Job widmet.

Die Anziehungskraft solcher Geschichten

Woher kommt die Anziehungskraft solcher Geschichten? Diese Geschichten, die ich zu meiner Schande zugeben muss, ganz süchtig höre, und zwar zumeist auf langen bis zu neunstündigen Fahrten mit dem Auto, von denen ich in den vergangenen Wochen eine ganze Menge hatte.

Da ist sicherlich das Element, dass sich jeder und jede mit solchen Lebenssituationen identifizieren kann. Wer hat nicht schon mal Vorgesetzte, einen Partner oder Partnerin, oder ein Familienmitglied gehabt, die einem (vermeintliches) Unrecht angetan oder die Anerkennung verweigert hat. Wenn man gefeuert wurde oder die erwartete Beförderung ausgeblieben ist, wenn man eine Beziehung beendet hat, oder mit einem Familienmitglied in Konflikt steht, dann zerrt das an einem. Selbst Jahre später nagen diese noch an einem, und wälzt im Kopf hin und her, was da genau geschehen ist oder wieso man die Anzeichen erst so spät erkannt hat und sich das so lange gefallen hat lassen.

In diese Wunde schlagen diese Geschichten mit dem Vorteil, dass sie ein befriedigendes Ende nehmen. Die Übeltäter werden bestraft und stehen nachher viel schlechter da und wollen unbedingt zu einem Zurück oder erkennen und bedauern ihr Verhalten, während unsere Helden nachher besser, erfolgreicher und erfüllter dastehen. Ein Aufbau, den jeder Film oder jedes Buch auch erfolgreich macht. Die Guten gewinnen, die Bösen werden bestraft.

Dieser KI-Slop ist übrigens daran erkennbar, dass sich kleine Fehler einschleichen. So sind oft Zahlen falsch ausgesprochen, also wenn da steht $2.7m (zwei Komma sieben Millionen Dollar), dann liest das System wirklich „Dollar Zwei <Pause> Sieben m“ oder „Ich, m, 27 Jahre“(„ich, männlich, 27 Jahre), wird also „ich, m, 27 Jahre“ ausgesprochen. Die unzähligen YouTube-Kanäle, auf denen diese Videos gepostet werden, sind oft sehr jung, haben ein paar hundert oder tausend Abonnenten, und scheinen wie Pilze aus dem Boden zu sprießen. Abgesehen davon sind die Stimmen immer wieder dieselben, nicht mehr als ein halbes bis ganzen Dutzend unterschiedliche. Viele dieser Geschichten gibt es übrigens auch auf Deutsch.

Welchem anderen KI-Slop bist du verfallen? Gibt es da noch mehr Kategorien, die ich nicht erwähnt habe? Lass es mich in den Kommentaren wissen.

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