Gehen ist, genau betrachtet, kontrolliertes Fallen. Wir kippen nach vorne, doch bevor es zu gefährlich wird und wir aus der Balance geraten, stoppen unsere Beine das Fallen. Der Science-Fiction-Autor Douglas Adams hätte damit seine Freude, denn in seinem satirischen Buch Das Leben, das Universum und der ganze Rest erklärt einer der Protagonisten, wie man Fliegen lernt:
„Es gibt eine Kunst, heißt es, oder besser gesagt, eine Fertigkeit beim Fliegen. Die Fertigkeit besteht darin, zu lernen, wie man sich auf den Boden wirft und ihn verfehlt. … Es ist eindeutig dieser zweite Teil, das Verfehlen, der Schwierigkeiten bereitet.“
Marvin, der paranoide Android aus dieser Science-Fiction-Serie, denkt nie wirklich darüber nach, ob Gehen kontrolliertes Fallen oder sonst etwas sein könnte, dazu bewegen ihn seine eigenen Probleme zu sehr. Doch humanoide Roboter müssen sich, oder korrekter, die Hersteller humanoider Roboter müssen sich diese Frage stellen. In der von mir zusammengestellten Liste von mehr als 200 Unternehmen, die insgesamt um die 300 humanoide Robotermodelle entwickeln, fällt eine Zweiteilung auf. Einerseits gibt es Humanoide, die sich auf Rädern fortbewegen, und andererseits diejenigen, die kontrolliert mit zwei Beinen fallen.
Die Liste zeigt auch, dass etwa 40 Prozent der Humanoiden über eine Räderplattform verfügen, der Rest allerdings auf zwei Beine setzt. Manche der Hersteller bieten ihre Roboter sowohl mit Rädern als auch mit Beinen an, den Kunden wird die Wahl gelassen. Doch wie soll man sich entscheiden? Welche Variante ist besser?
Zum einen stellt sich die Frage, wo der humanoide Roboter unterwegs sein wird. Wird er sich auf ebenen Oberflächen ohne Unebenheiten, Schwellen oder Hindernissen bewegen? Müssen Stufen oder Schwellen überwunden werden? Gibt es Engstellen wie schmale Türen oder sind regelmäßig Behinderungen durch abgestellte oder sich bewegende Objekte in engen Räumen oder Fluren zu erwarten? Ist die Fortbewegungsgeschwindigkeit des Roboters von Bedeutung? Haben Vibrationen oder Schütteln durch die Bewegung des Roboters Bedeutung für das von ihm getragene Ladegut? Ist der durch den Humanoiden verursachte Geräuschpegel wichtig? Wie sehen Reichweite und Energieverbrauch des Roboters aus? Wo wird der Roboter eingesetzt und in welche Prozesse ist er mit Menschen integriert? Welchen Einfluss hat die Wahl zwischen Rädern und Beinen auf die Stabilität des Roboters? Wie komplex und wartungsintensiv ist der Roboter?
Ein klarer Vorteil einer Räderplattform ist ihre Stabilität. Es sind keine Algorithmen und Prozessorzeit erforderlich, um den Roboter kontinuierlich zu stabilisieren. Auch bei einem Stromausfall bleibt der Roboter einfach stehen und fällt nicht um. Ebenso kann er sich auf flachen Ebenen viel schneller bewegen, ohne seine Ladung zu stark durchzuschütteln. Die Bewegung ist dabei leiser, es sind nur Rollgeräusche zu hören. Bei Robotern mit Beinen sind dagegen oft viel Mechanik- und Hydraulikgeräusche zu vernehmen, ebenso die Geräusche, die beim Aufsetzen der Füße auf den Boden entstehen.
Zweibeinige Roboter bieten andere Vorteile. Zunächst einmal können sie durch fast jedes Terrain navigieren, egal, wie eben es ist oder wie viele Hindernisse sich dort befinden. Sie können Stufen und sogar Leitern besteigen, über Hindernisse hüpfen und Saltos machen. Ihre Beine erlauben es ihnen außerdem, Engstellen am Boden zu durchqueren oder darüberzusteigen. Dadurch sind sie vielseitiger einsetzbarund nicht durch das Terrain limitiert. Allerdings gibt es bei zwei Beinen einige Nachteile. Sie sind teurer und wartungsaufwendiger, da sie über mehr mechanische Komponenten verfügen. Die Stabilisierung des Roboters ist eine Herausforderung, speziell bei plötzlichen Stopps, Fehlfunktionen oder Energieverlusten. Ein 60 Kilogramm schwerer Roboter darf nicht einfach umfallen und Menschen gefährden. Zudem verbrauchen sie mehr Energie und sind lauter.
Diese Vor- und Nachteile der zwei Plattformen habe ich in der folgenden Liste zusammengestellt:
| Anforderung | Räder | Beine |
| Flache Ebene | sehr gut geeignet | sehr gut geeignet |
| Unebenheiten | schlecht geeignet | sehr gut geeignet |
| Engstellen | kann meistens nicht passiert werden | kann sich durchschlängeln oder drübersteigen |
| Treppen | kaum bis unmöglich | sehr gut geeignet |
| Stabilisierung | einfach | komplex |
| Prozessorleistung für Stabilisierung | gering | hoch |
| Stabilisierung bei Stromausfall | einfach | Sicherheitsmaßnahmen benötigt |
| Geschwindigkeit | langsam bis hoch | langsam bis mittel |
| Schütteln | niedrig | hoch |
| Geräuschpegel | niedrig | mittel bis hoch |
| Energieverbrauch | gering | mittel bis hoch |
| Reichweite | hoch | mittel bis niedrig |
| Mechanische Komplexität | gering | hoch |
| Wartung | einfach | aufwendig |
| Integration in Arbeitsabläufe mit Menschen | eingeschränkt | fast unbeschränkt |
| Einsatzbereiche | beschränkt | fast unbeschränkt |
Das ist teilweise ein Auszug aus meinem 2026 erschienenen Buch Homo Syntheticus: Wie Mensch und Maschine verschmelzen.

