Der „Holy-Fuck-Moment“ von neuen Technologien

Der Science-Fiction-Autor Arthur C. Clarke stellte in seinen drei Clarkeschen Gesetzen das Folgende fest:

Jede hinreichend fortschrittliche Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden.

Vor zehn oder zwanzig Jahren wäre uns die Schaffung eines Videos aus einem Standbild wie Ein Mädchen, das auf der Puławska-Straße im Regen läuft noch ein bisschen wie Magie vorgekommen. Heute sehen wir es fast als normal an, dass unsere Technologie das ermöglicht.

Auch Bill Gates wird gerne zitiert mit

Die meisten Menschen überschätzen, was sie in einem Jahr erreichen können, und unterschätzen, was sie in zehn Jahren erreichen können.

Bestes Beispiel dafür ist ein Bildvergleich zwischen 2005 und 2015. Beide zeigen Gläubige im Vatikan, die auf die Benennung des neuen Papstes warten. 2005 war es Papst Benedikt XVI, 2015 dann Papst Franziskus. Innerhalb von zehn Jahren hatte sich die Situation komplett verändert. Smartphones wurden 2007 vorgestellt und 2013 waren sie soweit verbreitet, dass sie die Bildszene dominieren.

Vor allem die Öffentlichkeit wird von diesen Technologien oft überrascht. Bill Buxton, ehemaliger Microsoft Executive, formte den Begriff „Lange Nase der Innovation„, in dem er aufzeigt, wie eine Technologie lang unter dem Radar der Sichtbarkeit ist und nur Experten sie sehen und daran arbeiten, bis sie plötzlich wie aus dem Nichts da ist und die überraschte Öffentlichkeit überrollt – und diese oft auch fasziniert, mit offenen Armen aufgenommen wird oder mit einem Schlag Ängste einflößt und Untergangsszenarien.

Lange Nase der Innovation, Bill Buxton

Erinnern wir uns an ein paar Technologien der vergangenen Jahre, die mit einem Schlag da waren. Das Smartphone habe ich bereits erwähnt. Künstliche Intelligenz in Form von ChatGPT führte den Leuten vor, wie mächtig und nützlich diese sein kann. Autonome Autos, über die wir seit Jahren sprechen und die immer wieder mit Skepsis betrachtet wurden, sind heute Alltag in San Francisco und in Deutschland führte die Demonstration der Tesla FSD zu Schockreaktionen der Tester. Sie hatten nicht erwartet, wie gut sie in Deutschland funktioniert, nachdem sie bislang ausschließlich Videos gesehen hatten, wo misslungene FSD-Fahrten im Vordergrund standen.

The Holy Fuck Gap

Judith Dada nannte das in einem Substack-Beitrag vom Februar 2026 – auf KI bezogen – den The Holy Fuck Gap. Auf der einen Seite stehen die Wissenschaftler, Forscher und Ingenieure, die an einer neuen Technologie arbeiten und diese Schritt für Schritt weiterentwickeln. Auf der anderen Seite befindet sich die nichtsahnende Allgemeinheit, die mit einem Schlag mit einer mächtigen und nützlichen Technologie konfrontiert wird.

Sie unterscheidet dabei zwischen mehreren Paradoxien:

  1. In derselben Welt entstehen zunehmend unterschiedliche Realitäten zwischen den Erfahrungen von Experten an der Vorderfront der Technologieentwicklung und dem Rest von uns.
  2. Obwohl beide Lager zunehmend KI verwenden vergrößert sich der Abstand zwischen ihnen. Die Technologietreiber vervielfachen ihre Anstrengungen und Investitionen, die andere verwendet sie, nimmt sie aber nur als nützliche Technologie am Rande wahr.
  3. Beide Seiten haben recht, sie beschreiben ihre jeweiligen Realitäten korrekt.

Der Grund, wieso es zu dieser Lücke zwischen den gelebten Wirklichkeiten kommt, resultiert aus den Unebenheiten der Fähigkeiten einer neuen Technologie. In manchen Bereichen zeigt sie übermenschliche Fähigkeiten, doch in anderen scheitert sie an für uns einfach scheinenden Aufgaben. Das hat schon der österreichische Informatiker Hans Moravec in dem nach ihm benannten Paradoxon beschrieben.

Es ist vergleichsweise einfach, Computer dazu zu bringen, Leistungen auf Erwachsenenniveau bei Intelligenztests oder beim Dame spielen zu erbringen, und schwierig oder unmöglich, ihnen die Fähigkeiten eines Einjährigen bei Wahrnehmung und Mobilität zu vermitteln.

Während also die Experten an der Vorderfront der Technologieentwicklung mit der KI neue Medikamente erstellen oder mathematische Beweise liefern, an denen die Menschheit seit hundert Jahren scheiterte, sieht die Allgemeinheit die KI immer wieder an der Zahl der ‚e‘ im Wort ‚Erdbeere‘ scheitern. Ähnliche Beispiele finden sich bei autonomen Autos. Einserseits reagieren sie beinahe übermenschlich und vermeiden Unfälle, und dann blockieren sie wieder mal eine Straße oder ein Einsatzfahrzeug und wissen nicht weiter. Menschen unterscheiden sich dabei nicht von Maschinen, denn auch sie haben viele Schwächen, wie Unfallstatistiken oder jeder Zusammenschnitt an idiotischem Verhalten auf Videoplattformen eindrücklich zeigen.

Jede komplexere Aufgabe im wirklichen Leben besteht aus einer Mischung an Teilaufgaben, die KI (oder ein Mensch) unterschiedlich gut beherrscht. Und da kommt der Sand ins Getriebe. Denn wenn ein oder mehrere Teilaufgaben von der KI nicht zuverlässig abgearbeitet werden können, dann steigt dort das Fehlerpotenzial und die Notwendigkeit nach menschlicher Intervention. Doch rasch stellt sich heraus, dass die KI wichtige Aufgaben in einem Berufsfeld vollständig erfüllen kann, und die Adoption der Technologie passiert dort fast umgehend. Dieser Holy-Fuck-Moment in einem Beruf vergrößert den Holy-Fuck-Abstand zu anderen, die nicht so weit sind.

Holy-Fuck-Moment

Tim Urban vom Blog Wait But Why hat die Lücke in der Realitätswahrnehmung und den Erwartungen der Entwicklung von Technologien wie schon Clarke, Gates oder Moravec bereits 2015 humoristisch in eine Grafik verpackt. Die Allgemeinheit sieht Technologien wie KI auf folgender Kurve voranschreiten:

Dabei ist die Realität eine ganz andere:

Erste Vorboten für die Allgemeinheit zu neuen Technologien sind zumeist Demonstrationen, die von zweifelhaftem Wert sind. Ein tanzender oder Kung-Fu-Schritte ausführender humanoider Roboter, oder ein lustig-verstörendes KI-Video von Will Smith der Spaghetti isst. Oder ein autonomer Lieferroboter, der in eine Graben fällt. Ein Robotaxi, das in eine überflutete Straße fährt. Doch genau das passiert Menschen auch, wie jede Google-Suche bestätigt.

Das Lustig machen und Kichern über die unfähige Technologie bleibt aber bald im Hals stecken und wird durch den Holy-Fuck-Moment abgelöst, wenn es einem plötzlich schwant, wie souverän die Technologie ihre Aufgaben beherrscht.

Bestes Beispiel für einen Holy-Fuck-Moment? Ich nahm eine deutsche Freundin in einem Robotaxi in San Francisco mit und ihr blieb die Spucke weg. Die ganze Fahrt über konnte sie es nicht fassen, was sie da erlebte und hatte ihren Mund vor Staunen die ganze Fahrt offen.

Ein solcher Moment für mich waren sicherlich die Videos des Briten Jonathan Laramy, der die Videoserie Chloe vs History veröffentlicht und die fiktive Influencerin Chloe in die Vergangenheit reisen lässt.

Was war dein Holy-Fuck-Moment?

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