Alltäglicher Überfluss

Unser Blick fällt auf ein einfaches Bild einer alltäglichen Wohnung. Ein gemütliches Wohnzimmer, eine kleine Küche und ein etwas merkwürdig zusammengestelltes Zimmer als Mischung aus Bad, Abstellzimmer und Hobbyraum. Der Text beginnt mit diesem Absatz:

Es ist acht Uhr. In der Wohnung ist es still, abgesehen von der Musik, die leise aus dem Lautsprecher ertönt. Es ist eine Playlist, die dein Freund vor Jahren für dich zusammengestellt hat. Du schickst ihm eine SMS, um zu fragen, wie es ihm geht, nimmst dann ein Buch zur Hand, schaltest die Lampe ein und machst es dir im Sessel bequem, um zu lesen.

E klingt nach einem gemütlichen Abend nach einem langen Arbeitstag. Doch jede einzelne dieser Gesten und Objekte, die wir in die Hand nehmen, sind bei genauerer Betrachtung nicht selbstverständlich. Ein Buch, die Musik, eine SMS, eine Lampe und ein warmes Zimmer galten noch vor wenigen Jahrzehnten als unmöglicher und unerreichbarer Luxus. Schwenken wir unseren Blick weiter durch die Wohnung, dann bemerken wir den Kühlschrank, die Spüle und das Waschbecken mit kaltem und warmen Wasser, die Waschmaschine, das Fahrrad, das große Fenster mit Isolierscheiben, die Klimaanlage, die Nähmaschine, die Früchte und Gewürze in der Küche, Medikamente im Apothekenschrank, die Brillengläser und das gerahmte Foto.

Ordinary Abundance, so der Name der Website, eröffnet mit einem Blick in diese Wohnung. Mit jedem Scrollen wird der Fokus auf ein Objekt darin gesetzt und ein Zitat aus der Vergangenheit eingeblendet, wo ein Schriftsteller, Politiker, Wissenschaftler oder sonst eine prominente Person darüber philosophierte, wie unerreichbar oder teuer solch ein Objekt wäre.

So schrieb Edward Bellamy 1888 in seiner Science-Fiction-Novelle Looking Backward, 2000 to 1887, über Musik das Folgende:

Hätten wir eine Möglichkeit finden können, jedem Menschen zu Hause Musik in perfekter Qualität, in unbegrenzter Menge, passend zu jeder Stimmung und nach Belieben start- und stoppbar zur Verfügung zu stellen, hätten wir die Grenze des menschlichen Glücks bereits als erreicht betrachtet.

Musik genießen konnte man damals nur dann, indem man sie selbst machte, indem man ein Instrument spielt, oder ein Konzert besucht. Die Vorstellung, auf Knopfdruck wo und wann immer Musik zu hören und hunderte Millionen Musikstücke zur Verfügung zu haben, war 1888 unvorstellbar und grenzten an ein Wunder.

Genauso ein Wunder war es, immer und überall Licht ohne Feuer, Rauch und Ruß zu haben. Ein Augenzeuge in Wabash, Indiana, 1880 schwärmte davon:

Die Menschen standen, fast mit angehaltenem Atem, voller Ehrfurcht da, als befänden sie sich in der Gegenwart des Übernatürlichen. Das seltsame, unheimliche Licht, dessen Kraft nur von der Sonne übertroffen wurde, das aber dennoch sanft wie Mondlicht war, ließ den Platz vor dem Gerichtsgebäude so hell wie am Mittag erscheinen.

In jener Nacht, aus der der Augenzeugenbericht stammte, wurde Wabash im US-Bundestaat Indiana, zu einer der ersten Städte, die vollständig mit elektrischem Licht beleuchtet wurden. Kerzen, Öllampen und Gasflammen spendeten nur relativ schwaches Licht und waren zudem allesamt rauchende offene Feuer in den Häusern.

Ordinary Abundance bewegt sich durch fast zwei Dutzend Einrichtungsgegenstände in der Wohnung, die einst unerreichbar waren. Manche waren noch nicht erfunden, andere für die große Mehrheit der Menschen zu selten oder zu teuer. Heute gehen die meisten von uns, die das Glück haben, mit ihnen zu leben, daran vorbei, ohne einen zweiten Gedanken daran zu verschwenden.

Doch im selben Atemzug diskutieren wir mit Leidenschaft, wie sehr die Menschheit ihre Menschlichkeit durch diese Technologien verliert. Dabei wäre die diese Diskussion ohne die Technologie gar nicht möglich, denn sie erlaubt uns erst, dass wir nicht den Großteil unserer Zeit damit verbringen müssen, Essen zu besorgen und zu verarbeiten, einen vor den Elementen und Raubtieren schützenden Unterschlupf zu finden und zu verteidigen, oder gar nicht erst in das Alter gekommen wären, gesund und munter die Nachteile von Technologien auf die Menschheit diskutieren zu können.

Die Menschen merken nicht, wenn Etwas selbstverständlich ist, sondern dann, wenn Selbstverständliches und Gewohntes plötzlich fehlt. Scrolle selbst durch die Website Ordinary Abundance und entdeckte wieder für uns selbstverständliche Technologien.

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