Den überwiegenden Großteil ihrer Existenz waren Völker immer eine Missernte, einen Krieg oder eine Naturkatastrophe davon entfernt, Geschichte ohne Zukunft zu werden. Unser Planet ist gespickt mit den Ruinen von verlassenen Siedlungen und verschwundenen Völkern, die der Vergessenheit angefallen sind.
Menschen im 16. Jahrhundert standen wirtschaftlich kaum besser da als die Menschen im römischen Reich fünfzehnhundert Jahre früher. Das änderte sich mit der Renaissance, dem Entstehen der Wisenschaften und der industriellen Revolution. Das letzte Vierteljahrtausend hat die Menschheit zivilisatorisch weiter gebracht als zigtausende Jahre davor. Was uns heute als selbstverständliche Alltäglichkeit gilt, waren selbst noch vor hundert Jahren ein unerreichbarer Traum. Den alltäglichen Überfluss, den Menschen heute genießen, war selbst Königen nicht zugänglich oder galt als extremer Luxus.
Obwohl heute mit über acht Milliarden fünfmal so viele Menschen die Erde bevölkern, wie um 1900, stehen uns mehr Energie, mehr Rohstoffe, mehr essbare Kalorien, und generell mehr Ressourcen zur Verfügung als je zuvor. Und nicht nur das: all diese Ressourcen im Überfluss sind auch billiger. All das, obwohl wir mehr davon pro Kopf verbrauchen als in der Vergangenheit.
Unendliches Licht
Bestes Beispiel ist der Preis und die Verfügbarkeit von Licht. Wer denkt heute noch daran, was uns Licht kostet, wenn wir den Lichtschalter umlegen? Das ist keine Selbstverständlichkeit, denn noch wenige Jahrhunderte zuvor wandten Menschen für Licht – und das für moderne Menschen heute als in schlechter Qualität geltend – bis zu zwanzig Prozent des Einkommens auf. Heute sind es Bruchteile von Cents, und das in einer hohen Qualität.
Die obige Grafik zeigt die Entwicklung des Preises für eine Lichtleistung von 1.000 Lumen vom frühen 19. Jahrhundert bis zum frühen 21. Jahrhundert. Von 1800 bis 1850 lag der Preis für Gas- und Talglampen sowie für Talg- und Ölkerzen zwischen 18 und 160 Cent, und bis 2015 war er bei LED-Beleuchtung auf nur noch 0,004 Cent gesunken. Beachten Sie, dass die Y-Achse der Grafik logarithmisch skaliert ist, wodurch die exponentiell abfallende Kurve zu einer geraden Linie „abgeflacht“ wird.
Nicht nur ist der Preis für Licht um den Faktor 40.000 gesunken, sondern die Realeinkommen stiegen im gleichen Zeitraum um den Faktor 13 bis 18. Zusammengenommen bedeutet dies, dass sich die reale Kaufkraft für Licht um ein Vielfaches erhöht hat – mathematisch gesehen um mehrere hunderttausend Mal. Zudem steht uns heute eine deutlich bessere Beleuchtungstechnologie zur Verfügung. LED-Lampen sind nicht mit Kerzen oder Öllampen vergleichbar. Während die Menschen vor 200 Jahren noch sorgfältig abwägen mussten, wie viele Kerzen sie für welchen Zweck anzünden sollten und ob sie sich das leisten konnten, denken wir heute nicht mehr darüber nach, ob wir uns Licht überhaupt leisten können, wenn wir den Lichtschalter betätigen.
Dabei ist dieser Trend exponentiell. Wir haben es nur noch nicht gemerkt, weil wir erst am Anfang der Kurve sind, die dann in die Höhe schießen wird. Dieses Phänomen wird durch den Fortschritt bei und Entwicklung von neuen Technologien gefördert. Wind- und Wasserkraft ermöglichten den Menschen Energie in Mühlen und zum Heben von Gewichten nutzbar zu machen. Dampfmaschinen vervielfachten die Energie, auf die wir zugreifen konnten. Motoren brachten uns die nächste Vervielfachung, gefolgt von Elektrizität aus diesen vorherigen und neuen Technologien wie Kernkraftwerken. Jede neue Technologie ermöglichte einen Sprung in wie viel der Ressourcen uns bereitstanden.

Wie auch die vom sowjetischen Wissenschaftler Nikolai Kondratjew und später von Joseph Schumpeter entwickelten Zyklen zeigen, steigt die Innovationsrate bei neuen Technologien, bis sie abflachen und abfallen, nur um von neuen Technologien abgelöst zu werden. Die einzelnen Zyklen zeigen dabei immer kürzere Periodendauern.
Unendliche Rechenleistung
Heute stehen wir vor dem Sprung in neue Dimensionen auf gleich mehreren Ebenen. In den letzten Jahrzehnten am deutlichsten zu sehen waren die Fortschritte bei der Rechenleistung. Das Mooresche Gesetz ist wohl das selbst Laien am besten bekannte exponentielle Gesetz, das wir direkt erfahren konnten. Selbst Waschmaschinen verfügen heute über mehr Rechenleistung als das gesamte Apollo-Mondlandeprogramm der NASA.
Unsere heutigen Computer werden uns noch vor der Mitte dieses Jahrhunderts als simple Taschenrechner vorkommen und uns wundern lassen, wie wir damit eine moderne Gesellschaft am Laufen hielten. Denn mit Quantencomputern, von denen einige bereits behaupten, die Quantenüberlegenheit sei bereits erreicht, katapultieren wir uns auf völlig neue Dimensionen der Rechenleistung. Berechnungen, die mit heutigen prozessorbasierten Rechnern, seien es CPUs, GPUs oder Tensorprozessoren, tausende Jahre dauern, erledigen Quantencomputer in Sekunden.
Unendliche Intelligenz
Einhergehend damit ist die jüngste Technologie, auf die die Menschheit in den letzten drei Jahren aufmerksam wurde: Künstliche Intelligenz. Wir beobachten mit Erstaunen, wie rasch diese voranschreitet und zunehmend mehr Probleme souverän abarbeiten, bearbeiten und lösen kann. Damit erweitern wir unsere kognitiven Möglichkeiten und geben der Menschheit Intelligenz in grenzenlos scheinendem Ausmaß in die Hand.
Unendliche Arbeitskraft
Die Intelligenz verharrt nicht nur im Computer, sondern erhält zunehmen öfter einen Körper. Physische KI in Form von autonomen Autos, Maschinen, Drohnen und humanoiden Robotern, die sich gemeinsam mit uns in unserer Welt bewegen und Objekte manipulieren können, stellen uns mehr und mehr an Arbeitskraft bereit. Eine Milliarde Humanoide sollen 2050 die Erde bevölkern, und das ist wohl eine konservative Schätzung von Morgan Stanley.
Unendliche Energie
Der Schritt von Wasserkraft zu Kernreaktoren war schon ein großer und nahm auch Jahrtausende in Anspruch. Doch steht der Durchbruch vor einer Technologie bevor, die uns wohl auf längere Zeit der Energiesorgen – und aller damit einhergehenden Konflikte und Einschränkungen – entledigen wird. Die Rede ist von Kernfusion. Die Fortschritte bei KI, Magneten, Metalllegierungen oder Lasetechnologie schreitet auch dank andere Technologien wie KI so rasch voran, dass wir in wenigen Jahren mit den ersten künstlichen Sonnen auf der Erde rechnen dürfen. Das was die Sonne seit Jahrmilliarden macht, werden auch wir auf unserem Heimatplaneten machen können: Energie erzeugen, die uns heute fast unendlich scheinen wird.
Unendliches Leben
Noch 1900 lag die durchschnittliche globale Lebenserwartung bei 32 Jahren, und die hat sich hundert Jahre später mehr als verdoppelt. Heute können wir erwarten, dass Menschen ein Alter von mehr als siebzig erreichen können, in etliche Ländern sogar mehr als achtzig. Die Ursachen sind mannigfaltig. Bessere und mehr Ernährung, Impfungen und Medikamente, bessere medizinische Versorgung, bessere Hygiene und bessere und sicherere Lebensumstände.
Warum sollte diese Entwicklung nicht ebenso weiter voranschreiten? Wenn ich behaupte, dass Kinder, die heute geboren werden, erwarten können ein durchschnittliches Lebensalter von 250 Jahren zu erreichen, dann sind wir wohl alle mal erstaunt. Vielleicht werden sie nicht 250 Jahre alt, sondern „nur“ 180, oder gar 370, aber angesichts der Fortschritte in der Vergangenheit und den zukünftigen zu erwartenden exponentiellen Fortschritten, ist es nicht mehr so unwahrscheinlich, dass wir dank unserer Technologien menschliches Leben in guter Qualität massiv verlängern werden können.
Ein konkretes Beispiel kommt aus Australien, wo ein Hundebesitzer mit der KI einen mRNA-Impfstoff für seinen an Krebs erkrankten Hund entwickelt hat, der nach erfolgter Impfung den Tumor um 75% reduzierte. Angewandt auf Menschen könnten Veranlagungen zu bestimmten Krankheiten schon bei der Geburt analysiert werden, sowohl die Nahrung wie auch eine nötige medikamentöse Behandlung maßgeschneidert auf jedes Individuum, sowie Fortschritte bei der Altersforschung dazu führen, dass in den Jahrzehnten sich die Lebensspanne von heute geborenen Menschen immer wieder um mehrere Jahre verlängert. Damit kommt eine Lebensspanne von 250 Jahren in Greifweite und sieht nicht mehr so utopisch aus.
Welche Auswirkungen hätten ein solch langes Leben auf die Menschheit? Nun, wir würden viel später in Rente gehen. Statt mit 67,5 würden wir vielleicht mit 167,5 Jahren in Rente gehen. Wir könnten Generationenschiffe für die Erkundung des Weltraums bauen, wo die ursprüngliche Besatzung 25 Jahre, also 10% ihres Lebens verbringt, und trotzdem den Stern im anderen Sternensystem erreicht und jung genug ist um ihn zu erforschen und besiedeln. Könnten wir damit auch die Geburtenraten erhöhen, wenn frauen nun bis zum Alter von 150 Jahren Kinder kriegen könnten und nicht mehr knapp über ein Kind im Durchschnitt gebären, sondern act bis zehn über diese Zeitspanne?
Fragen zur Unendlichkeit
Nehmen wir all diese Technologien zusammen und extrapoliert sie, dann sehen wir einen möglichen siebten Kondratjew-Zyklus, der von künstlichem Leben, Kernfusion und Quantencomputern angetrieben werden könnte. In diesem Zyklus verschmelzen auch biologische und technische Systeme miteinander verschmelzen.

Was wären die Auswirkungen und was würden wir mit unendlichen Ressourcen wie diesen anstellen können?
Die Kernfusion hätte dramatische Auswirkungen auf die Menschheit. Wir müssten keine Kriege mehr führen, da die Länder nicht mehr um die Sicherung von Ölvorräten und knappen Energieressourcen kämpfen müssten. Dies könnte zu einem Rückgang der Militärausgaben führen. Da fossile Brennstoffe nicht mehr benötigt würden, würde die Hauptursache des Klimawandels beseitigt. Fast die Hälfte aller Schiffe auf den Weltmeeren transportiert fossile Brennstoffe wie Gas, Öl und Kohle und würde somit überflüssig werden. Die erzeugte Energie wäre sauber. Es würde kein CO₂ in die Atmosphäre freigesetzt, es bliebe kein radioaktiver Abfall zurück, und Landschaften würden nicht verunstaltet.
Die Kernfusion verspricht zudem einen dramatischen Rückgang der Energiepreise. Was könnte die Menschheit tun, wenn diese Preise auf nahezu null sanken? Vielleicht könnten wir völlig neue Technologien entwickeln, die enorme Mengen an Energie erfordern, wie zum Beispiel fliegende Städte, wie sie im Film „Avatar“ zu sehen sind. Oder wir könnten die Meerwasserentsalzung und die Bewässerung von Wüstenregionen ausweiten. Wir könnten in Regionen Landwirtschaft betreiben, in denen dies derzeit aufgrund der klimatischen Bedingungen unmöglich ist, indem wir das Gebiet künstlich beheizen, beleuchten oder kühlen. Dies würde es uns ermöglichen, unsere Nahrungsmittelversorgung zu erweitern. Wir könnten auch den Weltraum erforschen und diese Energie nutzen, um andere Planeten für uns bewohnbar zu machen.
In Kombination mit unendlicher Rechenleistung, unendlicher Arbeitskraft, und unendlicher Intelligenz wären die Möglichkeiten für die Menschheit beinahe endlos. Steht der Menschheit mit dem Zeitalter der Unendlichkeiten das Schlaraffenland offen?


Ich stimme erst einmal zu, dass wir in vielen Bereichen einen exponentiellen Fortschritt haben und das den Reichtum der Menschheit mehren kann.
Aber davon profitieren nicht alle.
Auch heute gibt es noch viele Menschen auf der Erde, die leben wie im 16. Jahrhundert. Sie hungern, haben keinen verlässlichen Zugang zu Strom und leben in extremer Armut. Vom wachsenden Reichtum profitieren überproportional diejenigen, die Kapital besitzen.
Ähnlich sehe ich die „unendliche Intelligenz“. Wer besitzt und betreibt sie? Wer schöpft die Gewinne ab? Und was passiert mit den vielen Arbeitnehmern, auch in hochqualifizierten Berufen, deren Arbeit durch KI nicht mehr benötigt wird? Technologischer Fortschritt bedeutet nicht automatisch eine gerechte Verteilung seines Nutzens.
Bei der Kernfusion frage ich mich zudem: Warum wollen wir einen künstlichen Fusionsreaktor brauchen, wenn wir mit der Sonne bereits einen gigantischen Fusionsreaktor haben? Die Energie der Sonne müssen wir nicht erzeugen, sondern nur ernten.
Erneuerbare Energien haben dabei einen entscheidenden Vorteil: Sonne und Wind kann grundsätzlich jeder nutzen. Auch ärmere Länder können damit ihre Energieversorgung selbst in die Hand nehmen und ihre Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen verringern.
Viele der im Beitrag beschriebenen Möglichkeiten eines Energieüberflusses könnten wir deshalb bereits mit Sonne, Wind und Speichern erreichen. Tony Seba hat entsprechende Szenarien ausführlich beschrieben und spricht von Stromgrenzkosten gegen Null.
Die entscheidende Frage ist deshalb nicht nur, ob technologischer Überfluss möglich ist, sondern wem er gehört und wie er verteilt wird. Ich fürchte in der gegenwärtigen Welt und bei den jetzigen neoliberalen Strikturen, wird das vor allen den Reichtum der jetzigen Giganten mehren.
Matthias
Tatsächlich weise ich im Beitrag auf den darin verlinkten anderen Beitrag „Führen humanoide Roboter uns in ein Schlaraffenland?“ darauf hin: