Angesichts der Tatsache, dass die Hälfte der Weltbevölkerung zur erwerbstätigen Bevölkerung gehört – das wären etwa vier Milliarden Menschen – und Morgan Stanley prognostiziert, dass bis zum Jahr 20250 eine Milliarde humanoider Roboter auf der Erde leben werden, würde dies bedeuten, dass wir die Arbeitskräfte durch den Einsatz von Humanoiden erheblich aufstocken könnten. Es ist zu erwarten, dass die Leistung dieser zusätzlichen Arbeitskräfte genauso hoch oder sogar höher sein wird, als es Menschen jemals sein könnten. In etwas mehr als zwei Jahrzehnten wird der technologische Fortschritt dafür sorgen, dass Humanoide bei ihrer Arbeit schneller, effizienter, effektiver und geschickter sind. Humanoide würden zudem keine Pausen benötigen und könnten fast 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche arbeiten, abgesehen von Ausfallzeiten für das Aufladen (vielleicht) und die Wartung.
Ausgehend von der Schätzung des Internationalen Währungsfonds, wonach das weltweite BIP im Jahr 2026 bei 126,3 Billionen US-Dollar und bis 2030 bei 151,4 Billionen US-Dollar liegen wird, sowie der aktuellen Weltbevölkerung von 8,26 Milliarden Menschen lässt sich der durchschnittliche Beitrag eines Menschen zum BIP berechnen. Im Durchschnitt trägt jeder Mensch im Jahr 2026 etwa 15.250 US-Dollar bei; bis 2030 wird dieser Wert bei etwa 17.700 US-Dollar liegen. Bis 2050 wird die Weltbevölkerung etwa 9,7 Milliarden Menschen erreichen, bei einem BIP – basierend auf einer jährlichen Wachstumsrate von 4,7 Prozent – von etwa 379 Milliarden Dollar. Der geschätzte durchschnittliche Beitrag pro Kopf zum BIP beläuft sich auf etwa 39.000 Dollar.

Bezieht man Humanoide in diese Gleichung mit ein – ausgehend von einer Million Humanoiden im Jahr 2030, deren Zahl bis 2050 auf eine Milliarde ansteigt –, sehen die Zahlen anders aus. Geht man davon aus, dass ein Humanoid etwa genauso produktiv ist wie ein Mensch – also im Verhältnis 1:1 –, könnte das Pro-Kopf-BIP bei 47.000 US-Dollar liegen, was einem Anstieg von 21 % gegenüber einer Situation ohne Humanoide entspräche. Sollten sich Humanoide als 2,5-mal produktiver als Menschen erweisen – 2,5:1 –, bei gleichen Fähigkeiten bei den Aufgaben und einem Einsatz von fast rund um die Uhr, würden die Zahlen für das Pro-Kopf-BIP bei etwa 59.000 US-Dollar liegen, also 34 Prozent höher als ohne Humanoide.
Natürlich handelt es sich hierbei nur um ein einfaches Modell, das auf der von Morgan Stanley vorgestellten, konservativ geschätzten Zahl der Humanoiden im Jahr 2050 basiert. Produktivitätssteigerungen ergeben sich nicht nur durch den Einsatz von Humanoiden in Produktions- oder Dienstleistungsprozessen, sondern auch durch die Anpassung der Prozesse, um das volle Potenzial der Humanoiden auszuschöpfen. Darüber hinaus werden Humanoide bestehende Märkte vergrößern und neue, bisher unerschlossene Märkte erschließen. Bis 2050 ist es wahrscheinlich, dass neue Technologien wie Kernfusion oder Quantencomputing die Innovationsrate noch weiter beschleunigen und das BIP zusammen mit den Humanoiden über das in Abbildung 55 dargestellte Niveau hinauswachsen lassen werden.
Ein zweiter Effekt neben einem gestiegenen BIP ist der anhaltende Überfluss an Produkten und Dienstleistungen. Wie die Autoren von Superabundance anhand von Fakten und Statistiken aus mehreren Jahrhunderten belegt haben, wird sich der Trend zu mehr und günstigeren Ressourcen und Lebensmitteln fortsetzen. Wenn Humanoide jeden Dienstleistungsbereich und jeden Produktbereich durchdringen, werden die Preise für die angebotenen Güter sinken.
Die Frage, die alle beschäftigt, lautet: In wessen Taschen wird dieser von Humanoiden geschaffene Reichtum landen? In die der zehn Milliardäre oder in die der zehn Milliarden Menschen?
Humanoide Roboter – und eigentlich jede Technologie – sollten das menschliche Dasein bereichern, statt den Menschen an den Rand zu drängen, ihn zu unterdrücken, ihn zum Wohle der Maschinen arbeiten zu lassen oder ihn in Strukturen zu zwingen, in denen er Maschinen dient, während ihm selbst nur die Krümel bleiben.
Der durch humanoide Roboter (und andere Technologien) geschaffene Wohlstand kann den Menschen von der Notwendigkeit befreien, arbeiten zu müssen – wobei unter „Arbeiten“ hier ausschließlich die Notwendigkeit zu verstehen ist, Geld zu verdienen, um Miete zu zahlen, Lebensmittel zu kaufen, eine Krankenversicherung abzuschließen und alle anderen Dinge zu finanzieren, die für ein menschenwürdiges Leben notwendig sind. Wir hätten weiterhin die Freiheit, Arbeit zu verrichten, müssten aber keinen bezahlten Job ausüben.
Unsere Welt ist darauf ausgelegt, Menschen heranzubilden und zu versorgen, die Anweisungen befolgen und in einem Umfeld funktionieren können, das von uns verlangt, einen Beruf auszuüben. Von der Ausbildung bis zum Ruhestand haben wir alles so gestaltet, dass Menschen – im schlimmsten Fall – einfach nur das tun, was von ihnen verlangt wird, dieses Leben nicht hinterfragen und den Mund halten, oder – im besten Fall – einen Sinn in ihren „ehrlichen und guten“ – sprich: schmutzigen, gefährlichen und langweiligen – Jobs finden.
Wie würde eine Welt mit Humanoiden aussehen, die den Menschen dienen? Wir würden wahrscheinlich den von unseren künstlichen Gehilfen geschaffenen Reichtum so mit allen teilen wollen, dass ihre Miete bezahlt und ihre Ernährung sowie der Lebensunterhalt gesichert sind, ohne dass Menschen einen Beruf ausüben oder einen Arbeitsplatz haben müssen. Ein Beruf ist, wenn man es genau betrachtet, etwas relativ Neues in der Menschheitsgeschichte. Eine halbe Million Jahre lang waren Menschen einfach nur Menschen, keine Tischler, Produktmanager oder Taxifahrer. Die Menschen definierten sich nicht über eine solche Berufsbezeichnung und reduzierten sich auch nicht darauf; sie waren Teil ihres Stammes, ihres Clans und ihres Volkes, jeder mit seinen einzigartigen Fähigkeiten.
Die Befreiung der Menschen von der Arbeit hilft uns allen, uns davon zu befreien, Mitmenschen allein aufgrund ihres Berufs zu bewerten und zu beurteilen. Das würde uns alle menschlicher – und humaner – machen. Ich verstehe, dass Arbeit den Menschen Sinn und Zweck gibt, aber warum ist das so? Wir vermitteln den Menschen von klein auf, dass der Sinn des Lebens darin besteht, eine Ausbildung zu absolvieren, einen Job zu finden, zu heiraten, Kinder zu bekommen, und erst im Ruhestand dürfen wir mit unserer Zeit tun, was wir wollen. Viele Menschen verschwenden ihr ganzes Leben damit, etwas zu tun, das sie für den Sinn ihres Lebens hielten, nur um später zu bereuen, dass sie nicht mutig genug waren oder nicht die Mittel hatten, das zu tun, wofür sie sich wirklich begeisterten.
Mit humanoiden Robotern haben wir endlich die Mittel, dies zu ändern. Vorausgesetzt – und das ist ein großes „WENN“ –, dass wir die Dinge richtig angehen. Es beginnt damit, wie wir – und damit meine ich unsere Gesellschaften und Regierungen – mit dem geschaffenen Wohlstand umgehen. Tun wir nichts und lassen wir die Eigentümer dieser Technologien alle Vorteile einstreifen? Besteuern wir humanoide Arbeitskraft so, wie wir es heute mit menschlicher Arbeitskraft tun, und verteilen wir diese Einnahmen in Form von, sagen wir, einem bedingungslosen Grundeinkommen an alle um? Werden wir das Bildungssystem so umgestalten, dass Kinder nicht lernen, Anweisungen zu befolgen und in Fabriken, Büros und beim Militär zu funktionieren, sondern stattdessen, wie sie ihren eigenen Lebenssinn und ihre eigene Bestimmung finden und ein glückliches, erfülltes Leben führen können?
Wir sind nicht mehr die Jäger und Sammler von vor einer halben Million oder 20.000 Jahren, und dieses Leben war nicht einfach. Man konnte mit einer durchschnittlichen Lebenserwartung von etwa 25 Jahren rechnen, war ständig auf der Suche nach Unterkunft und Nahrung und versuchte dabei, nicht selbst zur Beute von Raubtieren, Krankheiten oder einfach der Natur zu werden. Dank der Technologie ist unser Leben einfacher, erfüllter, sicherer und länger geworden und bietet uns mehr Möglichkeiten. Technologie in Verbindung mit guter Politik hat uns von der Last der Entbehrungen, vieler Krankheiten, von Hunger, Kälte oder vorzeitigem Tod befreit. Humanoide sind nun eine weitere Technologie, die uns von der Last der Arbeit befreit und uns die Wahl lässt, womit wir unsere Zeit verbringen möchten – einschließlich einer Arbeit. Damit, so behaupte ich, wird den Menschen die Möglichkeit zurückgegeben, menschlicher zu sein als je zuvor. Wenn ich nicht den Großteil meiner Zeit damit verbringen muss, nach Nahrung zu jagen, Schutz zu suchen, vor Raubtieren zu fliehen oder einen Job auszuüben, um die Miete zu bezahlen, habe ich Zeit, das zu tun, wozu ich mich von Natur aus berufen fühle. Für manche wird es Kunst sein, für andere Musik, wieder andere wollen erfinden, andere perfektionieren einfach ihre Fähigkeiten im Videospielen, die nächsten lassen einfach Pflanzen in ihrem Garten wachsen, und manche werden einfach nichts tun, entdecken dabei aber vielleicht neue Philosophien über das Nichtstun.
Dies ist ein Auszug aus meinem Buch HOMO SYNTHETICUS: Wie Mensch und Maschine verschmelzen.

