Baerbocks (Nicht)-Entschuldigung in der Analyse

Dieser Tage schwappt eine Welle an Entschuldigungen in die Öffentlichkeit. Vor Ostern entschuldigte sich Angela Merkel für einen missverständlichen Lockdown, dann im Zuge mehrere Skandale in Österreich zwei Staatsdiener (Pilnacek und Schmid), und nun ist die deutsche Kanzlerkandidatin des Bündnis 90/Die Grünen, Annalena Baerbock, wegen einigen zweifelhaften Einträgen in ihrem Lebenslauf unter Beschuss geraten. War die Merkel-Entschuldigung noch ein Musterbeispiel einer ehrlichen und richtigen Entschuldigung, so waren die der beiden Österreicher keine. Ihnen fehlten mehrere Elemente einer guten Entschuldigung und es waren verschiedenste Kunstgriffe der sogenannten Nicht-Entschuldigung (auf Englisch: Non-Apology) angewandt worden. Mit anderen Worten: diese vermeintlichen Entschuldigungen waren reine Augenauswischerei.

Nun war Baerbock in der ARD-Sendung Farbe bekennen zu Gast, und wurde dort von den beiden ModeratorInnen Tina Hassel und Rainald Becker in die Zange genommen. Bevor wir allerdings in Baerbocks Erklärungen zu dem Lebenslaufskandal eintauchen, zuerst noch einige Grundlagen.

1. Warum schreibe ich dazu?

Genau das ist Thema meines am 12. August 2021 erscheinenden Buchs Sorry not sorry: Die Kunst wie man sich nicht entschuldigt, in dem ich unter anderem 40 Kunstgriffe vorstelle, die in vielen solcher Nicht-Entschuldigungen verwendet werden. Dieses humoristisch angelegte Buch hat einen ernsten Hintergrund. Einige Kunstgriffe habe ich bereits mal in einem anderen Beitrag vorgestellt, hier aber analysieren wir nun ganz gezielt Annalena Baerbocks Erklärung.

Sorry Not Sorry

40 Kunstgriffe für Minister, Manager und sonstige Mistkerle, die Scheiße gebaut haben und nun die Aufregung nicht verstehen.

Dieses Buch kann bereits beim Verlag oder Amazon vorbestellt werden.

2. Elemente einer Entschuldigung

Gehen wir nun darauf ein, warum wir eine Entschuldigung brauchen, und wie eine ehrlich und aufrichtige gemeinte Entschuldigung auszusehen hat.

Warum brauchen wir eine Entschuldigung?

Die Autoren von „When Sorry Isn’t Enough“, die Psychologin Jennifer Thomas und der Betreuer Gary Chapman, führen an, dass eine Entschuldigung zu Vergebung und Versöhnung führt.

Wenn wir uns entschuldigen, übernehmen wir die Verantwortung für unser Verhalten und versuchen, bei der Person, die beleidigt wurde, Wiedergutmachung zu leisten. Eine aufrichtige Entschuldigung öffnet die Tür zur Möglichkeit der Vergebung und Versöhnung.

Die Logik dahinter zielt auf die Beseitigung eines mentalen Hindernisses ab:

Die unrechtmäßige Handlung steht wie eine Barriere zwischen den beiden Menschen und die Beziehung ist zerrüttet. Sie können, selbst wenn sie wollten, nicht so leben, als wäre das Unrecht nicht begangen worden.

Welche Elemente sollte eine Entschuldigung haben?

Der amerikanische Verhaltensforscher David P. Boyd kam auf sieben aufeinander folgende Schritte, die er als die Kunst einer öffentlichen Entschuldigung bezeichnet:

  1. Offenbarung
  2. Erkennung
  3. Reaktionsfähigkeit
  4. Verantwortung
  5. Gewissensbisse
  6. Rückerstattung
  7. Reform

In den ersten beiden Schritten wird man gewahr, dass Mist passiert ist und dass eine Entschuldigung fällig wird. Im dritten Schritt soll dann möglichst rasch und unverzüglich die Entschuldigung folgen, in der Verantwortung für das eigene Handel (oder Unterlassen) übernommen wird, man sich zerknirscht zeigt, Wiedergutmachung verspricht und Handlungen setzen, um in Zukunft solche Missgeschicke zu vermeiden.

Somit sind wir gerüstet, um zu verstehen, wie eine ehrlich gemeinte Entschuldigung auszusehen hat.

3. Baerbocks Entschuldigung in der Analyse

Im der Sendung Farbe bekennen gingen die beiden ModeratorInnen wenig zimperlich mit Baerbock um und stellten mehrere scharfe Fragen. Für uns sind vor allem die Anfangsminuten wichtig, in denen es um die Vorwürfe um Baerbocks „optimierten“ Lebenslauf ging.

Der erste Absatz

Die erste Frage ging gleich in die Richtung, warum sie sich toller mache als sie eigentlich sei?“ Darauf hatte Baerbock folgendes zu sagen:

„Das habe ich so nicht gemacht. Aber ich habe in meinem Lebenslauf auf der Website, was für mich eine komprimierte Darstellung der wichtigsten beruflichen Situation und vor allen Dingen der Verbindungen zu Vereinen, zu Organisationen ist, sehr komprimiert dargestellt. Ich habe schmerzlich gespürt, dass es offensichtlich sehr missverständlich war. Ich wollte alles andere als mich größer machen als ich bin, sondern sehr kompakt darstellen, welche Verbindungen es auch zu Institutionen gibt. Das war offensichtlich sehr schlampig. Ich habe da offensichtlich einen Fehler gemacht. Und es tut mir sehr Leid, wie es eigentlich in diesen Momenten um große andere Fragen geht, gerade in unserem Land“

Gleich zu Beginn wird abgestritten, dass ein frisierter Lebenslauf einen selbst toller darstellt, als man in Wirklichkeit ist. Eigentlich gleich mal eine Ohrfeige, weil jeder weiß, dass in einen Lebenslauf hineindichtete Erfahrungen, die man nie hatte, das gegenüber beeindrucken sollen. Einen Lebenslauf schreibt man ja nicht für sich selbst, der dient ja vor allem für andere, einen Überblick über die berufliche Laufbahn, Ausbildung, Erfahrungen oder Auszeichnungen zu gewinnen. Das ist doch gleich mal der 2. Kunstgriff: Es ist nie passiert.

Die komprimierte Darstellung sei ein Missverständnis. Bei einer „komprimierten Darstellung“ würde ich vor allem erwarten, dass Dinge aus dem Lebenslauf aus Gründen der Kompaktheit rausgelassen werden, nicht aber, dass da noch etwas hinzugedichtet wird, und somit der Lebenslauf aufgeblasen. Das ist der 8. Kunstgriff: Es ist passiert, aber es war ein Missverständnis. Sie selbst habe es schmerzlich gespürt, was eindeutig 13. Kunstgriff: Es ist passiert, aber ich bin das eigentliche Opfer.

Aber es geht gleich weiter: Das war sehr schlampig und sie habe da offensichtlich einen Fehler gemacht. Fast meint man, dass sie mit dem nachfolgenden Satz hier nun die Entschuldigung nachreicht, doch nicht so voreilig. Das darauf folgende „Und es tut mir sehr Leid, wie es…“ bezieht sich auf den nächsten Satz. Damit bleiben die Schlamperei und Fehler allein auf weiter Flur und sie deutet damit etwas anderes an: nämlich den 22. Kunstgriff: Es ist passiert, aber ich bin auch nur ein Mensch.

Der letzte Satz in diesem ersten Statement versucht ganz klar abzulenken, den es gibt wichtigere Themen: 26. Kunstgriff: Es ist passiert, aber es gibt Wichtigeres.

Der zweite Absatz

Auf die Frage, dass sie doch als Perfektionistin gelte, wie es gerade ihr passieren könne, wiederholte sie einen vorherigen Kunstgriff, nämlich den 22. Kunstgriff: Es ist passiert, aber ich bin auch nur ein Mensch. Sie ärgert sich ja selbst.

„Genau deswegen ärgere ich mich selber, weil es mir eigentlich immer wichtig ist, alles sehr korrekt zu machen. Aber offensichtlich habe ich hier nicht genau genug hingeschaut, es eben nicht korrekt genug gemacht, und dafür jetzt die Verantwortung auch übernommen zu sagen: Das muss ich korrigieren, um mich dieser Diskussion hier auch zu stellen und dafür zu werben, das Vertrauen, was vielleicht ein bisschen verloren gegangen ist, zurückzugewinnen.“

Neu ist hier der 14 Kunstgriff: Es ist passiert, weil ich auch so (nicht) bin. Sie sei ja immer sehr korrekt, und das ist hier auch für sie neu, nämlich, dass sie unkorrekt gewesen sei. Sie erkennt sich selbst nicht wieder.

Der dritte Absatz

Jetzt haben ihre Berater das nicht geprüft. Und Sie bewerben sich ja jetzt nicht um einen Nebenjob in der Kneipe. Die Frage ist da: ist das das Level an Professionalität, was wir von einer grünen im Kanzleramt erwarten können?

„Es geht um große Veränderungen in unserem Land. Es geht um große Themen. Ja, wir hätten bei meiner Website genauer sein müssen. Wie gesagt, ich ärgere mich sehr darüber. Wir stellen ja zum ersten Mal eine Kanzlerkandidatin auf. Ja, das ist was Besonderes für. uns als Bündnis 90/Die Grünen. Deswegen haben wir unser Team noch mal verstärkt, gerade zum Wahlkampfstart. Der Wahlkampf geht gerade los. Das ruckelt sich jetzt alles noch mal ein. Wir lernen natürlich aus den Fehlern, die wir jetzt gemacht haben, um es in Zukunft besser zu machen, weil: Wir fordern die Union erstmals in der Kanzlerschaft heraus, und wollen große Veränderungen für die Menschen in diesem Land, gerade beim Klimaschutz, bei der Familienpolitik, bei Kindern, bei Jugendlichen. Und da darf so was natürlich dann nicht noch mal passieren.“

Die wichtigeren Themen verlieren durch solche unwesentlichen Dinge wie einem frisierten Lebenslauf die entsprechende Aufmerksamkeit, und damit lächelt uns der 26. Kunstgriff: Es ist passiert, aber es gibt Wichtigeres schon wieder an. War der Fehler vorher noch persönlich, als eindeutig ihr Fehler, so wird er jetzt auf mehrere Schultern verteilt: „…wir hätten bei meiner Website genauer sein müssen.“ Die nächste Stufe ist dann nicht mehr weit davon weg, und das ist dann der 5. Kunstgriff: Es ist passiert, aber nicht mir.

4. Conclusio

Es wäre ein Verbiegen der Wahrheit, die von Annalena Baerbock vorgetragenen Antworten auf die Fragen der beiden ARD-ModeratorInnen als Entschuldigung zu betrachten. Für eine richtige Entschuldigung fehlen einige Elemente, und die angewandten Kunstgriffe sprechen eine deutlich andere Sprache. Die Sendung war vermutlich auch nicht als Forum für eine öffentliche Entschuldigung vorgesehen, und Baerbock scheint es weder erwartet, noch sich auf eine solche vorbereitet zu haben. Wie Politiker es gerne tun, versuchte sie die unangenehmen Fragen zwar zu berühren (touch), dann auf ein anderes Thema umzuschwenken (turn) und darüber zu reden (talk), also die TTT-Methode anzuwenden, was die Moderatoren durch wiederholtes Nachfragen zu verhindern versuchten.

Als ZuseherIn, als WählerIn erkennt man allerdings die Absicht, und ist verstimmt.

Und hier nochmals das Buch, das ab 12. August 2021 dann mit allen 40 Kunstgriffen erscheint.

Sorry Not Sorry

40 Kunstgriffe für Minister, Manager und sonstige Mistkerle, die Scheiße gebaut haben und nun die Aufregung nicht verstehen.

Dieses Buch kann bereits beim Verlag oder Amazon vorbestellt werden.

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