Winnetou: Keine Cancel Culture, sondern endlich Respekt

Die Entscheidung des Ravensburger-Verlags, mehrere Kinderbücher begleitend zum Film „Der junge Häuptling Winnetou“ nicht zu veröffentlichen, verursacht einige Aufregung. Grund sei die rassistische, romantisierende und stereotypisierende Darstellung von Indianern und der weißen Überlegenheits- und Kolonialisierungsglorifizierung, die den Verlag bewegt haben, von einer Veröffentlichung abzusehen.

Ich gebe dem Verlag damit völlig recht. Und ich erkläre, warum das nichts mit politischer Korrektheit und Cancel Culture zu tun hat. Und ich gestehe, auch ich habe die Winnetou-Filme mit Pierre Brice und Lex Barker geliebt und sogar einmal eine Vorstellung in der Wiener Stadthalle besucht, bei der eine echte Dampflokomotive im Laufe der Handlung in die Halle fuhr. Doch es gibt für alles eine Zeit, und nicht alles altert in Würde.

Stereotypen

Der Trailer zeigt schon das erste Problem auf: es handelt sich hier – wie beim sogenannten Blackfacing oder dem Yellowfacing um ein – mangels eines entsprechenden Begriffes – Redfacing. Weiße Darsteller spielen mit bunter Gesichtsbemalung Ureinwohner Nordamerikas. Das ist schon mal das erste Problem, das sensibilisiert. Ähnliche Kritik tritt immer dort auf, wo weiße Schauspieler indigene, asiatische oder dunkelhäutige Menschen darstellen.

Wesentlicher sind aber die vorgebrachten Stereotypen, die in den ab 1893 erschienenen vier Bänden von Karl May vorgebracht werden. May selbst war erst 1908 das erste und einzige Mal für sechs Wochen in Amerika, da waren bereits die ersten drei Winnetou-Bände erschienen. Die Konfrontation mit dem wirklichen Leben in den USA hatte ihn scheinbar getroffen oder ernüchtert und diese Erfahrung floss somit erst in seinen vierten Winnetou-Band ein.

Auch wenn die Winnetou-Bände und Filme, die man übrigens alle Online lesen und ansehen kann, für die damalige Zeit sehr gemäßigt mit Vorurteilen über Eingeborene waren (siehe dazu auch die wesentlich krasseren Stereotypen auf der euphemistisch genannten Völkerschau auf der Pariser Weltausstellung 1889, bei der Menschen aus den Kolonialreichen in „Dörfern“ in einer Art menschlicher Zoo zur Schau gestellt worden waren), so enthalten sie doch Stereotypen, die 129 Jahre nach der Erstveröffentlichung schmerzhaft peinlich wirken.

Auf der einen Seite steht der „edle Wilde“ (Winnetou), auf der anderen der noble weiße Retter (Old Shatterhand). Die Apachen werden als naturverbundenes Volk dargestellt, dass von einem Häuptling geführt wird, und nur dank der Hilfe guter Weißer vor den bösen Weißen geschützt werden können. Dabei ist Winnetou der am wenigsten indianische Indianer, der mit deutscher Disziplin daherkommt und genau deshalb als einziger zum Blutsbruder des weißen Mannes – Old Shatterhand – werden darf. Und das alles vor dem Hintergrund eines Genozids, der zur Ausrottung von Indianerstämmen und Vernichtung von über 90 Prozent der amerikanischen Einwohner geführt hat.

Sicht des weißen Mannes

Das ist eine Sicht aus der Brille des weißen Mannes. Ähnliche Muster gibt es bei der Oper Madame Butterfly (dort die japanische „Prostituierte“, die von einem weißen Mann geschwängert wird, und dann sich selbst aufopfernd das gemeinsame Kind großzieht, während er nichts wissend die Welt bereist, und sie sich dann umbringt, damit das Kind beim Vater es besser haben kann). Denselben Plot, nur diesmal mit einer Vietnamesin und einem amerikanischen GI, gibt es auch im Musical Miss Saigon.

Wie wir heute in der aktuellen Forschung zu Indianern – und alleine das Wort ist schon wieder ein von Weißen verwendeter Begriff, der bekanntermaßen auf dem Missverständnis Christoph Kolumbus beruht, der gemeint hatte, Indien erreicht zu haben – wissen, so entspricht die Organisationsstruktur der amerikanischen Völker nicht unbedingt der einer Hierarchie im europäischen Sinne. Die spanischen Conquistadoren sahen die Hierarchien ähnlich eines Königs und seiner Untertanen. Doch wie aktuelle Forschungsergebnisse zeigen, war dem nicht so. Wie der Völkerkundler David Graeber und der Archäologe David Wengrow in ihrem Buch Anfänge: Eine Neue Geschichte der Menschheit belegen, gab es zwar Häuptlinge, doch diese waren temporär Chefs eines Stammes. Die Völker wechselten regelmäßig zwischen dem Modus eines herumziehendem Jäger-und-Sammler- und sesshaftem Volk. Einen Häuptling – ohne Reichtum, mit wenig Macht und den Einfluss musste er sich durch Gefälligkeiten erarbeiten – gab es nur in den sesshaften Momenten.

Fragen wir doch die Betroffenen

Die ganze erregte Debatte findet allerdings ausschließlich unter weißen Menschen statt, doch niemand kommt auf die Idee, die Betroffenen selbst zu fragen. Eindeutig zu sehen war das in dieser Fernsehdiskussion. Ist Winnetou rassistisch, fragten die Moderatoren. Und das ausschließlich aus weißen Menschen bestehende Publikum kam zu der überraschenden, einstimmigen Aussage: Nein!

Warum also nicht einfach mal Apachen oder andere Nachkommen von Ureinwohnern befragen, wie sie sich in der Darstellung von beispielsweise der Karl-May-Romane fühlen?

Einen Eindruck davon können wir bei dunkelhäutigen oder asiatischstämmigen Menschen aus Deutschland erhalten. Dazu müssen wir nur jemanden wie Jasmina Kuhnke oder Victoria Linnea fragen. Oder hier ist ein Twitter-Thread von @dieJanki, die darauf eingeht.

Oder vielleicht indem wir einen Kurden fragen, wie er ein anderes Buch von Karl May sieht, nämlich „Durchs Wilde Kurdistan“. Wie man hier sieht, hat Passar Hariky eine recht eindeutige – nämlich schlechte – Meinung zur Darstellung von Kurden in diesem Buch.

So wie wir heute nicht mehr das N-Wort verwenden und Lieder wie Zehn kleine N…lein singen, verwenden wir auch keine Stereotypen zu Juden oder Sinti und Roma mehr. Denn wozu das führen kann, haben wir dank der menschenverachtenden Naziherrschaft und den von ihnen ausgeübten millionenfachen Mord im Holocaust gesehen.

Tatsächlich wäre es ein Leichtes gewesen, einen Betroffenen zu befragen, denn der Apache Red Haircrow hat eine Dokumentation dazu gedreht: Forget Winnetou! Loving In The Wrong Way. Und die Aussage ist klar: yup, es ist rassistisch.

Respekt

Oft sind dieselben Leute, die gegen Gendern sind, sind auch diejenigen, die Probleme mit der politischen Korrektheit haben. Ersetzen wir allerdings die Begriffe politische Korrektheit oder Genderwahn durch „Respekt für Menschen“, und zwar im Umgang mit Frauen und marginalisierten Minderheiten, die durch die Sprache ausgedrückt wird, dann klingt die Sache doch etwas anders.

Das Argument, dass man wegen marginalisierten Minderheiten doch bitte nicht diesen Aufwand treiben sollte, ist insofern hinfällig, bedenkt man, dass wir einiges dazu beigetragen haben, diese marginalisierten Minderheiten zu marginalisierten Minderheiten gemacht zu haben. Den Genozid an amerikanischen Ureinwohnern, bei uns bekannt als „Indianer“? Oder den Genozid an marginalisierten Minderheiten wie Juden, Sinti und Roma? Die Kolonialisierung von Afrika, die dazu geführt hat, dass wir die Menschen dieses Kontinents versklavt, ausgebeutet, vergewaltigt, verstümmelt, umgebracht und gelegentlich in die Erobererländer gebracht haben, wo sich einige nun aufregen, dass wir nun das N-Wort nicht verwenden dürfen?

Respekt finden dieselben Dauerempörten dann aber doch weniger wichtig als die „Reinheit der deutschen Sprache“. Dieselbe Sprache, die die lautstärksten Vertreter dieses Genres oft selbst kaum fehlerfrei beherrschen.

Und Respekt? Der ist nur dann wichtig, wenn sie das Gefühl haben, er wird ihnen selbst oder einer vermeintlichen Respektperson gegenüber nicht erboten. Als der österreichische TV-Nachrichtensprecher Armin Wolf 2018 den russischen Präsidenten Wladimir Putin interviewte, musste Wolf Putin immer wieder unterbrechen, weil dieser bewusst vom Thema abwich und die Frage unbeantwortet ließ. Genau diese notwendigen Unterbrechungen gegenüber dem Autokraten wurden von den Kritikern als „Respektlosigkeit“ Wolfs bezeichnet. Nach dem Motto

Wer Respekt verdient, bestimme ich!

Wir gehen durch den aufwendigen Irrsinn, zu Siezen oder Duzen, akademische und Berufstitel anzuführen, um den Mächtigen nur ja devot genug zu erscheinen und Respekt zu erweisen, aber es ist uns völlig Schnuppe, ob wir marginalisierte Minderheiten weiterhin außen vor lassen, fortwährend beleidigen und immer wieder Mangel an Sensibilität vorbringen. Dabei müsste man solche Stereotypen und mangelnden Respekt nur einmal an sich selbst erleben, um zu verstehen, wie das wirkt.

Wie fühlt sich Stereotypisierung an?

Wer sich nicht vorstellen kann, wie beleidigend und heruntermachend solche Stereotypen wirken können, dem kann geholfen werden. Hier gibt es beispielsweise diese Mockumentary, bei der ein vorgeblich afrikanisches Fernsehteam mit Forschungsreisenden das unberührte und rätselhafte Österreich besucht, und die primitiven Eingeborenen und deren Kulte zu verstehen versucht. Danach beantworte man sich selbst die Frage, wie man sich fühlt? Was stimmt, was ist übertrieben, was ist ein Stereotyp? Will man, dass ein solches Bild von einem selbst gezeichnet wird?

Oder man analysiere, wie in amerikanischen oder russischen Spielfilmen zum Zweiten Weltkrieg deutsche Soldaten dargestellt werden. Oder wie sieht in britischen Komödien der stereotype Deutsche aus? Kaum jemand in Deutschland oder Österreich wird ein mehr als Dreivierteljahrhundert nach Kriegsende diese Darstellungen als zutreffend oder schmeichelnd empfinden.

Weitere veraltete Stereotypisierungen

Auch andere Kindersendungen, Bücher und Charaktere werden heute mit anderen Augen betrachtet. So ist der Warner Bros Looney-Tunes-Charakter Speedy Gonzalez, die schnellste Maus in Mexiko, nicht mehr zeitgemäß und das Studio zeigt die zwischen 1955 bis 1980 erschienenen Filme nicht mehr. Warum? Weil neben (dem übrigens in Mexiko äußerst beliebten) Speedy die Nebendarsteller faule oder hilflose „mexikanische“ Mäuse waren, die negative Stereotypen zu Mexikanern und Lateinamerikanern bedienten.

Auch der Warner Bros-Charakter Pepé das Stinktier (Pepé le Pew) fiel der geänderten Einstellung von akzeptablem Verhalten und Stereotypen zum Opfer. In den in den 1940er und 1950er Jahren erschienen Zeichentrickfilmen sieht man den französelnden Pepé immer wieder auf der Jagd nach weiblichen Stinktieren und Katzen, die er ohne deren Einverständnis umarmt, küsst und einsperrt, weil „er sie liebt“. In Zeiten der #MeToo-Bewegung die Darstellung von heute unakzeptablem Verhalten.

Nicht zu vergessen ist der Struwwelpeter von Heinrich Hoffmann. Alle kennen das Buch, doch niemand käme heute auf die Idee, es seinen Kindern unkommentiert vorzulegen.

Struwwelpeter: Titelblatt der Ausgabe von 1861

Und bereits in den 1970er Jahren wurde eine Puppenserie namens Zwerg Bumsti nach einer Wiederholung aus dem österreichischen Fernsehen gestrichen, weil sie zu viele Stereotypen zu Bumstis Frau, der Maus, hatte.

Zwerg Bumsti & Maus

Wem das zu sehr auf Kinder gerichtet ist, sollte mal näher die Agentenfilme betrachten, die ab den 1950er Jahren populär wurden. Uns ist James Bond bestens bekannt, der als Macho-Agent immer mindestens ein Bondgirl vernascht, Bösewichter verprügelt und die Welt vor dem Untergang rettet. Frauen in Bond-Filmen sind entweder hübsche Dekoration, Eroberungsziel oder Geiseln, jedenfalls eher passive Charaktere ohne eigene Ziele und Motive, oder böse Gegenspielerinnen. Dabei sind die Bond-Filme recht zahm in ihrem Sexismus, denn in der Frühzeit dieser Agentenfilme ritterten mehrere Geheimagentendarsteller um die Krone in diesem Filmgenre. „Heiße Katzen“, „Special Mission Lady Chaplin“, „Some Girls Do“, „Agent 003: Operation Atlantis“ und viele andere zeichnen sich durch Bond-ähnliche Plots aus, und vor allem durch wohl schon damals und heute ganz sicher ziemlich peinlich wirkenden Sexismus.

Und so sehr uns die Fernsehserie Mad Men unterhalten hat, so wenig wünschen wir uns eine Zeit des Sexismus und Männerdominanz zurück.

Mit anderen Worten: es war an der Zeit, die Bücher Karl Mays als das zu behandeln, das sie sind: veraltete Abenteuerromane, die unkommentiert heute keinen Platz mehr im Kinderzimmer haben sollten. Rassistische, Genozid- und Kolonialzeitverherrlichende Werke eines Autoren, der die von ihm beschriebenen Völker erst am Ende seines Schaffens selbst kennen gelernt hat, und alle Stereotypen und weiße Erhöhungsfantasien bediente, sind obsolet und schädlich.

Abschlussfrage

Zum Schluss noch die Frage, die ich mir schon lange stelle: Wer hat die Winnetou-Bücher eigentlich je gelesen und kennt die Romane nicht ausschließlich aus den Filmen? Ehrlich gesagt: ich fand die Bücher schon als Jugendlicher unleserlich, und jetzt, im Zuge der Arbeit an diesem Artikel, noch immer.

2 Gedanken zu “Winnetou: Keine Cancel Culture, sondern endlich Respekt

  1. Ich habe durchaus Respekt vor Menschen, aber auch ich bin gegen krankhafte politische Korrektheit und Genderwahn.
    Vielmehr habe ich das Gefühl das letztere eine Art scheinheilige vorzeige Rechtfertigung sind. Wir leben in einer Gesellschaft die kein Problem hat Menschen auszubeuten, die immer weniger Werte und Respekt vermittelt, wo Menschen Vorurteile tagtäglich erleben – aber hey, dafür drücken wir uns nun so Menschenachtend aus wenn wir diesen Egoismus leben.

    1. Wie manifestiert sich Dein Respekt? Indem Du jemanden siezt, mit Titel anredest? Wenn Du das machst, warum nicht auch indem Du jemanden mit der von dieser Person gewünschten Genderidentität und vielleicht auch indem Du z.B. das N-Wort nicht mehr verwendest, weil es People of Color beleidigt?
      Wann sind politische Korrektheit oder „Genderwahn“ krankhaft und wann nicht. Wer entscheidet das? Du?
      Du hast ein Problem mit einer Gesellschaft die Menschen ausbeutet, aber keines, die andere Menschen sprachlich heruntermacht oder nicht berücksichtigt? Außer, es sind mächtige Leute, den da siezt Du und verwendest die Titel, aber solange es Menschen aus marginalisierten Minderheiten oder vielleicht sogar die ausgebeuteten selbst sind, ist es Dir egal?
      irgendwie ist Deine Argumentation löchrig, genauso wie Deine Selbstbezeichnung als „toleranter Mensch“, der dann doch ziemlich intolerant zu sein scheint, wenn ihm/ihr etwas nicht passt.

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