Humanoide Roboter sind auf dem Vormarsch, will man den unzähligen Videos glauben, die aktuell in den Feeds von sozialen Medien auftauchen. In Vorbereitung zu meinem Buch Homo Syntheticus, das im Frühjahr 2026 erscheinen wird, habe ich tatsächlich über 100 Firmen identifizieren können, die Humanoide entwickeln.
Letzte Woche wagte sich dann die erste Firma vor, die ihren für den privaten Haushalt gedachten humanoiden Roboter vorstellte. 1X Technologies, gegründet in Norwegen und mit Zentrale in Palo Alto, präsentierte den NEO Gamma und öffnete seine Website für Vorbestellungen. Für den Stückpreis von $20.000,- oder um $499,- Monatsmiete kann man diesen etwa 165 Zentimeter großen und 30 Kilogramm schweren Roboter erwerben. Und das Launchvideo sah auch sehr beeindruckend aus:
Doch wie ist die Wirklichkeit? Joanna Stern vom Wall Street Journal fand das für ihre Leser heraus und testete ihn einen Tag lang. Ihr Erfahrungsbericht fällt – gelinde gesagt – ernüchternd aus, wie wir im folgenden Video sehen können:
Nicht nur kann der Roboter für die nahe Zukunft seine Haushaltsarbeiten nicht autonom ausführen, er ist auch ferngesteuert durch Teleoperation recht eingeschränkt. Der Roboter muss erst lernen, und dazu dienen die ersten Kunden, die einen $20.000 teuren glorifizierten Kleiderständer erwerben, und dann noch einen 1X-Technologies-Mitarbeiter per Kameras in die Wohnung schauen lassen müssen. Selbst die Haushaltsaufgaben, von denen man erwarten würden, sie wären die ersten, die der Roboter kann, sind nur durch einen Teleoperator und dann nur patschert (ungeschickt) ausführbar. Man nehme das Einräumen des Geschirrspülers, mit der der Roboter in Joanna Sterns Video fast fünf Minuten lang kämpft.
Auch anderen ging es nicht besser. Marques Brownlee, ein YouTuber, der vielen als Automobil- und Technologietester bekannt ist, fasste seine Gedanken in ein Video.
All diese Berichte tragen einen starken Humane Ai Pin-Vibe. Wir erinnern uns: vor mehr als einem Jahr stellte das von ehemaligen Apple Designern gegründete Startup Humane den Ai Pin vor, der als erstes Gerät für KI designt war. Das Video war slick, begeisterte und erzeugte einiges an Interesse. Auch ich bestellte einen.
Als dann vor einem Jahr das Gerät bei mir zuhause landete, war die Ernüchterung groß. Es funktionierte kaum, lief sofort heiß und viele der im Launchvideo gezeigten Funktionen gab es einfach nicht. Auch hier kippte meine und die öffentliche Stimmung rasch. Marques Brownlee bezeichnete es als das „schlechteste Produkt, das er je getestet hatte“. Ein paar Monate später war Humane untergegangen.
An diese Erfahrung erinnern mich nun die letzten Tage zum NEO Gamma, und wenn da nicht sofort Schadenskontrolle von 1X Technologies vorgenommen wird und man nochmals zurück rudert, sehe ich keine Chance, dass sie das irgendwie zum Positiven spinnen können. DieFrage ist, ob da überhaupt noch etwas zu retten ist?
Ich werde das Gefühl nicht los, dass 1X Technologies einfach lospreschen wollte, um zu jedem Preis den Markt zu besetzen, anstelle noch ein bis zwei Jahre die Technologie auszureifen und dann zu launchen. Nun sieht es so aus, als ob der Schuss nach hinten losgeht. Neben Stern und Brownlee sind noch andere kritische Erfahrungsberichte nachgekommen, und das in nur wenigen Tagen.
So mit diesem großen Abstand zwischen dem Versprochenen und dem Wirklichen, zerstört man Vertrauen: der Kunden und der Investoren. Ich bin mir sicher, dass im Unternehmen selbst viele Mitarbeiter unwohl war bei dem Tempo und den Versprechungen, die CEO Bernt Børnich öffentlich artikulierte.
Zugegeben, auch andere Hersteller humanoider Roboter haben momentan nur wenige Funktionen, die autonom funktionieren. Beim Tesla Optimus und beim Unitree G1 sieht man die menschlichen Teleoperatoren hinter den Robotern. Doch einige Unternehmen sind da wesentlich vorsichtiger. Die Videos von Figure.AI, beispielsweise, zeigen einen ganz anderen Vibe. Und dort werden fast ausschließlich autonom arbeitende Roboter gezeigt.
Für mich gibt 1X Technologies Launch sehr starke Humane-Disaster-Vibes ab, im schlechtesten Sinne. Das Unternehmen könnte sich damit selbst tödlich verletzt haben und das nicht überleben.

Ein Gedanke zu “Erlebt diese Roboterfirma ein Humane-AI-Pin-Disaster?”