Lady Mechanika

Transrobotismus – Der Zwilling des Transhumanismus

In einer Abschlussszene von Ex Machina, bei der ein exzentrischer Firmengründer einem Programmierer aus seinem Unternehmen den ultimativen Turing-Test an Ava, seiner menschenähnlichen künstlichen Intelligenz, durchführen lässt, sieht man die entflohene Ava ein letztes Mal durch das Haus gehen, das ihr Gefängnis gewesen war, und das sie nun mit den beiden sterbenden Menschen zurück lässt. Dabei dreht sie sich um und ein leichter Anflug von Lächeln huscht über ihre Lippen. Sie macht sich auf den Weg, um endlich unter den Menschen leben zu können und um diese zu studieren. Unerkannt, denn sie selbst sieht aus wie eine junge, menschliche Frau.

Dieses Lächeln bezeichnete Alex Garland, der Regisseur und Drehbuchautor des Films, gegenüber dem KI-Podcast-Host Lex Fridman, als einen der wichtigsten Momente im Film. Wir diskutierten nämlich immer nur, wann Maschinen intelligenter als Menschen sein würden, und verwenden dazu den beschränkten Turing-Test, der nicht nur körperlich losgelöst ist, sondern eigentlich nur eine schummelnde KI bevorzugt. Solch eine KI muss menschliche Sachverständige täuschen können, dass sie ein Mensch sei.

Ex Machina (2014): Ava dreht sich ein letztes Mal im Haus im, das ihr Gefängnis gewesen war.

Doch mit Ava, gespielt von Alicia Vikander, stellt man eine täuschend menschenähnliche KI in körperlicher Form vor die Menschen, und die Frage wandelt sich rasch in diejenige, ob Ava Bewusstsein hat. Und diesen inneren Zustand zu erkennen können wir, ähnlich dem Heisenberg-Prinzip, nicht wirklich beobachten, ohne ihn zu verändern. Garland beschreibt das auf folgende Weise:

Der beste Hinweis, den Sie auf den inneren Zustand von jemandem haben können, ist, wenn diese Person nicht beobachtet wird und sie über etwas lächelt. Sie lächelt für sich selbst. Und das war der Beweis für Avas wahre Empfindsamkeit, was auch immer Avas Empfindsamkeit war.

Alex Garland

Dieser Moment einer „Lebenswerdung“, von einem einfachen Roboter zu einem fühlenden Lebewesen stellt den umgekehrten Zwilling des Transhumanismus dar. Beim Transhumanismus überkommen Menschen ihre natürlichen körperlichen und geistigen Limitationen durch Technologie. Im Prinzip sind wir bereits seit Jahrtausenden Transhumanisten. Jedes Werkzeug, jede Waffe, jedes Kleidungsstück, und in jüngster Zeit jede Impfung, jedes Smartphone, Flugzeug, Auto oder jede Brille helfen uns menschliche Limitationen zu überkommen, und damit jedes andere Leben auf der Erde zu übertrumpfen.

Wir müssen nicht erst warten, bis Technologien mit unseren Körpern verschmelzen. Implantate, Brillen, Vakzine, Medikamente und selbst unsere über Jahrtausende hochgezüchteten Nahrungsmittel sind künstlich von uns geschaffene Technologien. Dass wir künstliche Organe schaffen und Nanotechnologie oder Elektronik in unsere Körper einpflanzen werden, ist nur eine logische Fortsetzung der Entwicklung. Kritik an solchen Technologien ist dabei nicht neu. Selbst uns heute als selbstverständlich erscheinende technologischen Erweiterungen wie ein Regenschirm oder ein Spiegel wurden bei deren Einführung als Mittel zum Untergang der Zivilisation betrachtet. Mit der Weisheit der Rückschau lächeln wir nur mehr über unsere ahnungslosen Vorfahren, um im gleichen Atemzug vor den Gefahren von Selfies oder autonomen Autos zu warnen.

Transrobotismus

Während der Übergang vom Mensch zum transhumanen Mensch seit Jahrtausenden im Gange ist und weder aufgehalten werden kann, noch aufgehalten werden sollte – immerhin ist der Mensch ein natürlicher Technologieschöpfer und das Verbot von Technologieschöpfung wäre somit ein absolut unmenschliches Verbot – so wurde dem entgegengesetzten Phänomen des Transrobotismus bisher wenig Beachtung geschenkt.

Zum ersten Mal tauchte dieser Begriff 2007 im Rahmen einer Veranstaltung des MIT auf, bei der die Soziologin und Technologieforscherin Sherry Turkle darüber im Einsatz von tierähnlichen Robotern im Pflegebereich sprach. Ein Beispiel ist Paro, eine Robbe, die den Kopf bewegen kann, mit den Augen rollt und bei Berührungen schnurrt. Sie wird bei an Demenz erkrankten Personen in Altersheimen zur Therapie eingesetzt, dort wo echte Tiere nicht zum Einsatz kommen können. Die Besonderheit dieser Robotertiere liegt in deren Ähnlichkeit zu echten Tieren, die sowohl im Verhalten als auch in deren körperlicher Ausstattung echten Lebewesen täuschend ähnlich nahe kommen, ohne die potenziellen Nachteile zu haben, die einer kranken Person gefährlich werden könnten, oder umgekehrt.

Dieses Roboterhündchen wurde auf einer TechCrunch-Veranstaltung in Berkeley im April 2019 gezeigt.

Während diese Roboter Fell, Augen und andere physische und psychische Eigenschaften noch durch künstliche Materialien und Verhalten imitieren, so geht der Trend nun bereits in die nächste Stufe weiter. Und dazu muss ich einen kleinen Ausflug in die Lebensmittelindustrie vornehmen.

Angesichts des sich immer offensichtlicher manifestierenden Klimawandels, der sich seit einigen Jahren in Wetterextremen ausdrückt, und eines verstärkten Umdenken beim Umgang mit Nutztieren, stürzen sich immer mehr Forscher und Unternehmen auf die Entwicklung von Alternativen zu tierischen Produkten. Just Mayonnaise, Beyond Meat, Impossible oder jüngst Orbillion sind nur einige der Start-Ups, die sich dieser Aufgabe widmen. Die Ansätze sind dabei unterschiedlich. Vom Aufspüren von pflanzlichen Ersatzstoffen für tierische Produkte wie Eier bis hin zur Züchtung von tierischen Zellen im Reaktor unter idealen Bedingungen, die hygienischeres Fleisch ermöglichen, als die Massenaufzucht von Tieren unter unwürdigen Bedingungen, wird alles probiert.

Und hier setzt der Transrobotismus an: wenn ich schon tierische Zellen im Reaktor züchten kann, dann auch menschliche Zellen. Ist die naheliegendste Anwendung die Züchtung von Geweben oder Organen, die menschliche Empfänger nicht mehr auf Gewebe-, Blut- oder Organspender angewiesen sein lässt, so rückt auch die Züchtung von Geweben und Fleisch und vielleicht auch Organen oder sogar einem biologischen Gehirn für die Ausstattung von Robotern in eine denkmögliche Nähe. Und so nähern sich Roboter von der anderen Seite uns transhumanen Menschen an.

Leben versus Lëben

Leben (Life), das aus biologischen Ursprüngen entstammt und mit Technologie erweitert wird, steht dann Lëben (Lïfe) als Unterkategorien von Lyben (Lyfe) gegenüber, das aus technologischen Ursprüngen stammt und mit organischem Material erweitert wird.

Warum allerdings braucht ein KI-Roboter – und ich gehe davon aus, wie ich in meinem Buch Wenn Affen von Affen lernen beschreibe, dass eine KI, die etwas auf sich hält, immer auch eine körperliche Form haben muss, um sich weiterentwickeln zu können – neben Metall und Plastik auch organische Bausteine?

Wenn Affen von Affen lernen

Das hat mit einigen Eigenschaften von organischen Materialien zu tun, die heute und in naher Zukunft mit anderen Arten von Materialien nicht zu bewerkstelligen sind. Darunter fallen beispielsweise die Selbstheilungskraft von Geweben, die nach einer Schnittwunde sich wieder verschließen können. Oder Knochen, die nach Brüchen zusammenwachsen oder vielleicht sogar nachwachsen können. Oder neue Sensortypen, die Gerüche wahrnehmen können, ein Sinn, bei dem wir aktuell bemerkenswert schlecht in unseren Technologien sind. Oder künstliche Haut und künstliches Fleisch, das durch seine fein verteilten Sensoren fühlen kann, und damit Schmerz und Leid erfahren kann. Diese Erfahrungen sind insoferne notwendig, als sie für Bewusstsein wesentlich scheinen. Sie helfen die Unmenge an Daten, die durch die Sensoren kommen, entsprechend zu kategorisieren und permanent zu speichern.

Wenn ich in der Savanne stehe und die Umgebung auf mich wirken lasse, dann fühle ich die Sonne und den Wind im Gesicht, spüre die Gerüche, höre das Rauschen der Gräser und Blätter, sehe das blendende Sonnenlicht und die Farben der Umgebung, und vernehme das Brüllen eines Tigers. Für einen Roboter, der zum ersten Mal in der Savanne steht, hat keiner der Eindrücke mehr Gewicht als die anderen. Doch wir Menschen wissen, dass das Brüllen des Tigers mit einem Schlag absolute Priorität für unsere Aufmerksamkeit hat. Wir wissen das aufgrund Jahrtausendelanger Evolution, die in unseren gespeichert wurde. Wir werden alles versuchen, körperlich intakt zu bleiben, sprich: vom Tiger nicht gebissen oder gar gefressen zu werden. Selbst kleine, unbemerkte Dinge, wie ein Stich eine Rose oder einen Bienenstich bemerken wir sofort, weil unser Körper selbst auf solch kleine Versehrtheiten reagiert, uns unsere Aufmerksamkeit darauf richten lässt, und damit unser Überleben sichert. Und wir werden uns ein Leben lang merken, dass ein Bienenstich nichts Angenehmes ist.

Und das schaffen wir mit den heutigen Technologien für Roboter nicht oder nur langsam unter größtem Aufwand, wenn wir nicht organisches Material als Baustein für zukünftige Roboter hinzuziehen wollen. Und gleichzeitig könnte der Mensch in wenigen Jahren etwas schaffen, wofür die Natur Jahrmillionen gebraucht hat: nämlich Leben zu schaffen. Mit dem Transrobotismus kommen wir in die Situation – wie wir es schon bei Intelligenz seit Jahrhunderten tun – den Begriff „Leben“ immer wieder aufs Neue definieren zu müssen.

Der ohnehin schon längst als unzureichend erwiesene Turing-Test für künstliche Intelligenz muss dann zu einem Test für Leben werden. Und dieser wird Bewusstsein, Leid, Schmerz und Gefühle, aber auch Avas Lächeln testen müssen.


Das Titelbild ist aus der französischen Comicalbumserie Lady Mechanika entnommen, die aus der Feder von Joe Benitez und Peter Steigerwald stammt. Die Heldin der mehrteiligen Serie ist Lady Mechanika, die ohne ihren Willen zu einer Transhumanistin verwandelt wurde und auf der Suche nach ihrem Schöpfer und den Gründen der Verwandlung vielee Abenteuer in dieser Steampunk-Welt erlebt.

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