Als wir vor einigen Jahren eine Serie an Schulungsvideos aufnahmen, musste ich jedesmal, wenn die Cutterin die Videos abspielte, aus dem Raum gehen. Ich konnte meiner eigenen Stimme nicht zuhören. Tatsächlich klingt die eigene Stimme für einen selbst immer anders als für die Zuhörenden. Es brauchte einige Zeit, bis ich mir selbst zuhören konnte.
Stimmen sind ja unsere Visitkarte. Wir verbinden mit ihr Charaktereigenschaften von Menschen, ob wir Vertrauen schließen, ob sie uns nerven oder ob wir sie überhaupt wahrnehmen. Frauen beispielsweise wird abhängig von ihrer Stimme weniger Kompetenz zugewiesen. Und das hat gar nichts mit ihren wahren Kompetenzen zu tun. Speziell Frauen mit hoher Stimmlage werden diese oft abgesprochen.
Die ehemalige britische Premierministerin Margaret Thatcher hatte eine hohe Stimmlage, nur die kennen wir gar nicht, denn zu Beginn ihrer politische Karriere in den 1970ern, nahm sie sich einen Stimmcoach. Sie lernte langsamer und mit tieferer, mehr Autorität einflößender Stimme zu sprechen.
Auch Elizabeth Holmes, die Gründerin des Blutanalysestartups Theranos, die dann wegen Betrug ins Gefängnis wanderte, fiel wegen ihrer recht tiefen Stimme auf. Dabei klang ihre natürliche Stimme ganz anders, höher und weiblicher.
Wie sie in einem Interview mit der New York Times dann zugab, schuf sie diese Persona mit tiefer Stimme, um in einer von Männern dominierten Welt ernst genommen zu werden.
Pilotenstimme
Der Bestsellerautor Malcolm Gladwell, der sich oft obskuren Themen widmet, stieß bereits mehrmals auf diese Sache mit den Stimmlagen. Da ist einmal die Art wie Piloten sprechen. Piloten wählen eine sonore, fast schon gleichgültig wirkende Stimme, machen ab und zu Pausen, und verwenden volkstümlich und umgangssprachliche Worte, die selbst bei schlimmsten Luftturbulenzen den Eindruck vermitteln, dass der Pilot schon viel Schlimmeres erlebt hat.
Die Überraschung hier ist, dass scheinbar Chuck Yeager, der erste Pilot, der die Schallgrenze überwunden hatte, nicht ganz unbeteiligt ist. Seine Art zu sprechen färbte auf andere Piloten ab und heute scheint es genau diese Stimmlage zu sein, die sich die meisten Piloten aneignen. Denn: wer will schon einen Piloten oder eine Pilotin im Cockpit haben, dessen/deren Stimme schrill klingt und Stress und Angst vermittelt? Das Vertrauen wäre sofort hinweg und in der Kabine würde Panik ausbrechen.
Ein zutreffendes Beispiel dafür der US Airways-Flug 1549 im Jahr 2009. Nach einem Vogelschlag unmittelbar nach dem Start waren beide Triebwerke ausgefallen und der Flugkapitän entschied sich fúr eien Notlandung im Hudson River. Die nüchterne und oft einsilbige Kommunikation des Flugkapitäns Chelsey Sullenberger mit der Flugaufsicht wird als Paradebeispiel für diese Pilotenstimme genannt.
Hier ist die Aufzeichnung des Gesprächs zwischen Flugaufsicht und Sullenberger:
Sexy Baby Voice
Bemühten sich Margaret Thatcher und Elizabeth Holmes um eine tiefere Stimme, wählen manche Frauen das genaue Gegenteil. Sie adaptieren eine höhere Stimmlage, oft so wie man mit einem Baby spricht, die aber durch weitere Besonderheiten auffällt. Nicht nur klingt sie „sexier“, sie ist auch mit gewissen Lauten untermalt. Mit Lauten sind dabei ein Schnarren, ein gewisses Lachen, oder Verzögerungen gemeint.
Dieses Schnarren, dass Lake Bell als „Vocal Fry“ (wörtlich „stimmliches Frittieren“) bezeichnet, hört sich dabei folgendermaßen an:
In Lake Bells Film fragt eine Stimmcoachin ihre Freundin, die eine solche Sexy Baby Voice verwendet, ob sie ein Sprachexperiment mit ihr durchführen darf. Dabei soll sie von 1 bis 10 zählen, wobei die ungeraden immer mit der tiefsten Stimmlage gesagt werden sollen, die geraden mit der höchsten. Am Ende soll sie mit dem Satz „Das ist meine Stimme“ enden (ab 6:56 im folgenden Podcast):
Zur Überraschung der Freundin bringt sie zum Schluss ihre wahre Stimme hervor, die tiefer und doch sehr weiblich klingt.
Das Problem mit der Sexy Baby Voice ist, dass sie Frauen als inkompetent und wenig durchsetzungsstark erscheinen lässt. Ihre Stimme hat als Zielpublikum oft ein männliches Publikum, vor dem diese Frauen dann eher dümmlich und naiv wirken, und mehr als Sexobjekt betrachtet werden. Deshalb wird diese Stimmlage auch eher mit Sexsymbolen wie Marilyn Monroe oder assoziiert, als mit Führungsfiguren und selbstbewussten und durchsetzungstarken Frauen wie Angela Merkel, Michelle Obama oder Hillary Clinton. Im Beruf wirkt die Sexy Baby Voice für Frauen als Hindernis. Sie werden bei Beförderungen übergangen und ihre Meinung nicht ernst genommen.
Und ich?
Nachdem ich meine Furcht, meiner eigenen Stimme zuzuhören, abgelegt habe, bemerkte ich etwas anderes. Nicht, dass ich etwa solch ein „Vocal fry“ in meine Stimme legte, oder eine Sexy Boy Voice habe (wie auch immer diese klingen mag), sondern dass ich einfach zu schnell spreche. Schon meine selige Großmutter bat mich gelegentlich, doch langsamer zu sprechen, damit sie mir folgen konnte. Als jemand, der viel öffentlich spricht, muss ich mich immer wieder daran erinnern, dass ich einen Gang zurückschalten muss, und andere Stimmlagen für Momente mit Freunden, Familie und Kindern aufbewahre.
Welche Stimmlage an für sich wählt und wo man sie einsetzt, ist natürlich Kontextabhängig. Doch man sollte sich der Konsequenzen bewusst sein. Eine einzige Stimmlage für alle Gelegenheiten ist genauso falsch, wie die falschen Stimmlage für den falschen Moment.

Ein Gedanke zu “Sexy Baby Voice und andere Stimmlagen”