Stimmlage und Sprache sind nicht die einzigen Verhaltensformen, wie Menschen andere zu beeinflussen versuchen. Im Beitrag Sexy Baby Voice und andere Stimmlagen ging ich auf Beispiele ein, wie in westlichen Ländern Frauen ihre Sprache anpassen.
Die deutsche Medienunternehmerin und Menschenrechtsverteidigerin Inge Bell schilderte, dass auch sie erst ihre eigene Sozialisierung in solch eine Stimmlage und Sprache erkannte, als sie als Radioreporterin begann und Stimmbildung und professionelles Sprechen lernte:
Mädchen und Frauen lernen unbewusst: ich komme besser durch, wenn ich meine Stimme in die Höhe schraube. Eine hohe Stimmlage steht für „brav“, „harmlos“, „unschuldig“, „mädchenhaft“, „ungefährlich“.
Erst in meiner journalistischen Tätigkeit – zunächst als Radioreporterin beim Bayerischer Rundfunk in den 1990ern – habe ich Stimmbildung und professionelles Sprechen gelernt. Seither spreche ich meistens in meiner Indifferenzlage, meiner natürlichen, tieferen Stimme – nicht immer gelingt es, denn leider schlägt auch durchaus noch bisweilen die „alte“ Sozialisation zu.
Stimmlage in Japan
Doch nicht nur in der westlichen Welt werden Stimmlagen angepasst. Noch stärker ausgeprägt sind hohe Stimmlagen in Ländern mit großen geschlechtsspezifischen Unterschieden. In Japan, wo diese Unterschiede besonders groß sind, sprechen Frauen beispielsweise anders und ändern ihre Stimmlage abhängig davon, ob sie mit Männern und Frauen sprechen und mit Männern unterschiedlicher Ränge. Der Unterschied zur Stimmlage von niederländischen Frauen ist dabei frappant.
Ebenso haben Anime einen Einfluss auf Asiatinnen ausgeübt, deren Stimmlagen seit etwa 2000 wieder höher wurden. Die japanische Musikjournalistin und Stimmforscherin Hiroko Yamazaki erforschte dieses Phänomen und suchte nach dem Auslöser dafür.
Eine Umfrage über die Stimmen auf der Straße ergab jedoch, dass sie ab etwa 2000 wieder höher wurden. Als gesellschaftliches Phänomen hat sich die Anime-Kultur von der Subkultur zum Mainstream entwickelt, Synchronsprecher sind populärer geworden, und hohe, mädchenhafte Stimmen werden zunehmend auch in anderen Bereichen als Anime eingesetzt.
Zu dieser Zeit begannen diese Stimmen auch, durchgängig zu den „Lieblingsstimmen“ zu gehören. In der Vergangenheit wäre es seltsam gewesen, wenn eine erwachsene Frau eine so genannte ‚Anime-Stimme‘ gehabt hätte, aber als solche Stimmen immer häufiger und überall in den Medien, einschließlich des Fernsehens, zu hören waren, wurde angenommen, dass insbesondere junge Frauen unbewusst dazu inspiriert wurden, mit hohen Stimmen zu sprechen.
sājiāo in China und Südkorea
Eine weibliche Taktik aus Asien, die den Männern das Gefühl gibt, männlicher zu sein, nennt sich sājiāo 撒娇. Es ist schwierig einen deutschen Begriff dafür zu finden, aber er lässt sich in etwa mit „sich niedlich geben“ oder „kindlich verhalten“ beschreiben. Erwachsene Frauen (und gelegentlich auch Männer) bleiben auf der Straße oder dem Bürgersteig stehen, verschränken die Arme, stampfen mit den Füßen und weigern sich, ihren Verstand einzusetzen, bis die Forderung erfüllt ist.
Was für Leute im Westen bizarr aussieht, wird in China als Teil des weiblichen Charakters betrachtet. Ja es wird sogar erwartet, denn wenn eine Frau nicht ab und zu einen sājiāo aufführt, könnte sie von ihren Mitmenschen als nicht feminin genug angesehen werden. Ein angemessener sājiāo soll ausführende Frau als niedlich, liebenswert oder schützenswert erscheinen lassen, wie es Kindern normalerweise zugestanden wird, und nicht dazu dienen, den Empfänger absichtlich zu demütigen.
Aus sprachlicher Sicht bedeuten sā (撒) wörtlich „zum Ausdruck bringen“ oder „hinauswerfen und loslassen“, und jiāo (娇) „lieblich“, „charmant“, „zart“ oder „verwöhnen“.
Ich kenne sājiāo aus eigener Erfahrung. Meine chinesische Freundin würde gelegentlich in eine höhere Stimmlage wechseln, dabei einen Schmollmund machen und trotzig dastehen, wenn sie etwas wollte. Das konnte in manchen Fällen sogar zu regelrechten Tobsuchtsanfällen, wie er bei kleinen Kindern vorkommt, führen. Oder sie verhielt sich besonders niedlich, machte große Augen und schmiegte sich an. Auch meine südkoreanische Freundin erhöhte gelegentlich mit großen Augen und hoher Stimme ihren Niedlichkeitsfaktor, sobald sie ihren eigenen Willen durchsetzen wollte. Ein Zitat meiner chinesischen Ex-Freundin beschreibt das wohl am besten:
I am bad, but in a cute way!
(Ich bin unartig, aber auf eine niedliche Art!)
Asiatische (und zugegebenermaßen auch westliche) Männer finden das sexy. Von ihnen wird erwartet, dass sie ihre Frau verwöhnen, und sājiāo gibt ihnen die Chance, ohne viel Nachzudenken ihr den Wunsch zu erfüllen und ihre Männlichkeit auszuspielen.
So zeigt ein Video ein Paar in einem Juweliergeschäft und sie scheinen sich über einige Schmuckstücke uneinig zu sein. Sie geht voll Sājiāo, beginnt zu flennen, zieht ihn an der Hose und lässt sich auf den Boden fallen. Während die Diskussion zwischen den beiden weitergeht und er nachzugeben scheint, steht sie wieder auf und zeigt ihm das Schmuckstück, das sie will, das er dann von der Verkäuferin einpacken lässt.
Das für westliche Augen Verwunderliche: niemand zuckt mit einer Wimper, es scheint für alle ein absolut normales Vorgehen beim Juwelenkauf zu sein.
In Südkorea wird dafür der Begriff gwiyomi 귀요미 oder gwiyeomi 귀여미, verwendet, der von 귀엽다 „süß sein“ (etymologisch „wertvoll sein“ 貴엽다), das in etwa dem japanischen kawaii かわいい und dem chinesischen sājiāo 撒娇 entspricht.
Im Westen sind diese Taktiken eher unbekannt und führten deshalb anfänglich auch bei mir zu Verwunderung. Ich wusste nie richtig mit diesen Situationen umzugehen und hatte auch mehr das Gefühl, dass meine damaligen chinesischen und südkoreanischen Freundinnen sich mehr ironisch so verhielten. Obschon – Moment mal! – ich dann immer nachgab und sie ihren Willen durchgesetzt hatte.
Schlussfolgerung
Hiroko Yamazaki sieht diese Entwicklung kritisch und nicht zielführend, wenn die gesellschaftliche Gleichstellung zwischen Mann und Frau erreicht werden soll:
Die Stimmen von Kindern, sowohl von Menschen als auch von Tieren, sind hoch. Das liegt daran, dass ihr Körper klein ist und ihre Stimmbänder und Stimmbahnen kurz sind. Mit anderen Worten: Eine hohe Stimme zeigt an, dass der Organismus noch jung und unreif ist. In einigen Animes sind die Stimmen weiblicher Figuren unreif, was auf Schwäche und Kindheit hindeutet, während nur ihre Körper als geschlechtsreif dargestellt werden. Natürlich sind nicht alle Anime-Produktionen so, aber wenn das die Art von Frauenbild ist, die angestrebt wird, dann denke ich, dass wir uns unserer Darstellung von Frauen bewusst sein sollten.

Hey ich bin 35 Jahre alt und habe auch ne sehr hohe stimme , bin auch sehr dünn und zierlich aber nicht wirklich klein 1.70 man schätzt mich oft in einem alter von 19 – 25 ein
Habe ich jetzt nen unreifen Organismus oder wie???
Hmm, das musst Du schon Hiroko Yamazaki aus Japan fragen. Es könnte nämlich sein, dass sich nicht alles um Dich in diesem Beitrag dreht.